Bild: Symbolbild, YouTube-Wars cc0

Zensur findet (nicht) statt?

Internet. Unter dem Begriff Cancel Culture herrscht im Netz ein Diskurs über freie Meinungsäußerung und Zensur. Doch existiert eine solche Cancel Culture überhaupt?

„A Letter on Justice and Open Debate“, so hieß der offene Brief, den vor kurzem knapp 150 Personen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft unterzeichneten und sich gegen ein „Klima der Intoleranz“ äußert. Die Unterzeichner:innen fordern mehr Liberalismus in Debatten und sehen sich von Zensur bedroht. Diese Entwicklungen führen angeblich zu einer Einengung des Diskurs und freien Meinungsaustausch.

Konkrete Beispiele gab es in diesem Brief kaum, eher allgemeine Aussagen, die kaum auf Hintergründe realer Vorfälle eingehen. Damit reiht sich der Brief sehr gut hinter andere schwammige Konzepte wie „Political Correctness“ oder „Cancel Culture“. Gerade im Internet spielen diese beiden Begriffe eine große Rolle, und Prominente werden nach problematischen Aussagen gerne von Online-Communities „gecancelt“. Doch wirkt sich dies tatsächlich auf die freie Meinungsäußerung aus? Die Reichweite und Rolle der Personen, die sich von einer solchen Cancel Culture bedroht fühlen und die jetzt einen solchen Brief unterschrieben haben, zeigt doch eher das Gegenteil. Schaut man sich einmal an, wer sich zwischen den Unterzeichner:innen tummelt, kann man erahnen, was eigentlich hinter dem Aufruf steckt: J. K. Rowling, die in der Vergangenheit für ihre transphoben Äußerungen immer wieder Shitstorms kassiert hat,  oder Bari Weiss von der New York Times, die eine Schwarze Redakteurin bei ihrem Vorgesetzten meldete, weil diese keinen Kaffee mit ihr trinken wollte. Es scheint hier weniger um Zensur und mehr um persönliche Befindlichkeiten zu gehen. Viele der Unterzeichner:innen haben, trotz Kritik an ihrem Verhalten, immer noch eine enorme Reichweite, können sich immer noch zu allen Themen so äußern, wie sie wollen. Siehe Rowling, die immer noch eine große Fanbase und Followerschaft auf Twitter hat und immer noch in Diskussionen transfeindlich auffällt. Das, was die Unterzeichner:innen in ihrem Brief betrauern ist nicht der Verlust der freien Meinungsäußerung, die sie ja in Form des offenen Briefes problemlos ausüben konnten, sondern der Verlust der Deutungshoheit im Diskurs und die Tatsache, das es für problematische Aussagen heutzutage berechtigten Gegenwind gibt.

:Philipp Kubu

 

Wer cancelt überhaupt wen? 

YouTube. Das Wort Cancel Culture wird sehr inflationär benutzt. Doch wer wird gecancelt? Und wer cancelt? Zwei aktuelle Fälle zeigen zwei potentielle Abläufe auf.

Shane Dawson und Jenna Marbles (bürgerlich Jenna Mourey) gehören zu wenigen YouTube-Persönlichkeiten, die seit vielen Jahren auf der Plattform aktiv sind, und wenn sie auch beide mindestens einen Image-Wechsel hingelegt haben, auch beide weiterhin erfolgreich sind, oder zumindest in Jenna Marbles Fall vielleicht waren. In den letzten Wochen waren sie beide im Fokus kontroverser Diskussionen. 

Für Dawson ist das nichts Neues, sein „Schock-Humor“ und geschmacklosen Aussagen waren für die längste Zeit zentraler Teil seines Contents. Blackface, das N-Wort, Witze über Pädo- und Zoophilie sind dabei die wohl extremsten Momente, über die er zwar in der Vergangenheit bereits Entschuldigungs-Videos veröffentlichte, die er jedoch selbst im Nachhinein für nicht ausreichend hält. Wiederholt spricht er in seinem am 26. Juni 2020 veröffentlichten Video nun davon, dass es Zeit für ihn ist, Verantwortung für seine Fehler zu übernehmen. Und auch wenn er davon spricht, dass er es als verdiente Strafe sehen würde, seine Karriere zu verlieren, und seine Entschuldigung durchaus ehrlich wirkt, gibt es keine Antwort auf die Frage, ob er die Konsequenzen für seine weitere Laufbahn selber ziehen will. Die Supermarktkette Target hat seine Bücher mittlerweile aus dem Sortiment genommen und YouTube die Monetarisierung für seine Videos suspendiert. Kann man es jedoch jemandem verübeln, mit Dawson nicht assoziiert werden zu wollen? Besonders in einer derart Image-Basierten Sparte?

Für Jenna Marbles war es die erste Kontroverse dieses Ausmaßes. Ebenfalls ging es bei ihr um spezifische Fälle, wie das Tragen von Blackface in einer Nicki Minaj Parodie, sowie rassistische Stereotypen über Asiatische Menschen in einem Rap-Video. Diese Videos waren bereits seit mehreren Jahren nicht mehr öffentlich einsehbar. Für sie ist die Konsequenz daraus, dass sie sich für einen unbestimmten Zeitraum aus der Öffentlichkeit zurückzieht und keine Videos produzieren will. Doch kann man von „canceln“ sprechen, wenn sie diese Entscheidung für sich getroffen hat, und nicht durch extremen Druck von außen? Es wirkt eher wie eine selbstauferlegte Pause, auch zu ihrem eigenen Wohl. 

:Jan-Krischan Spohr

Diskurs. 

Die letzten Jahre haben viel verändert in Hinsicht darauf, wie mit bestimmten Themen umgegangen wird. Immer mehr marginalisierte Gruppen und Minderheiten finden in Diskursen Gehör und haben die Möglichkeit, ihre Perspektive aufzubereiten. Einher mit dieser Öffnung des Diskurses geht, dass mehr Sensibilität für Themen möglich wird, über die sonst in den meisten Fällen vielleicht nur von einer Mehrheit weißer, männlich gelesener Personen diskutiert wurde und somit die Komplexität bestimmter Themen nicht verständlich wurde. Fest steht, dass der Diskurs noch weitergeführt werden muss und wir weit entfernt von einer definitiven Antwort auf alles sind. Kommen wir nun also zur Cancel Culture. Was in vielen Punkten valide ist, um eine klare Haltung gegen rechts, Sexismus oder andere Themen, die das Subjekt aus einem Menschen nehmen, aufzuweisen, kann in anderer Form auch den Diskurs unterdrücken und sogar die Gruppen, die man versucht zu schützen wiederrum bevormunden. Cancel Culture kann in vielen Formen genau dorthin führen, was man eigentlich damit versucht zu tilgen. Anstatt sich zu fragen, wie es dazu kommen konnte, dass in Aussagen oder anderen Formaten des öffentlichen Diskurses bestimmte Dinge gesagt wurden und wer in der Verantwortung für diese eigenen Aussagen steht, entscheidet sich meistens eine weiße Mehrheit dazu, das Thema aus dem Diskurs auszuschließen. Die Verantwortung der Täter wird somit auch aus dem Diskurs genommen. Was übrig bleibt ist, dass ein weiteres Mal über andere Menschen hinweg eine Entscheidung getroffen wurde. 

Natürlich gibt es in vielen Fällen auch eine total nachvollziehbare Rechtfertigung dafür, dass man mit gewissen Menschen nicht diskutieren muss, da es auch zu keinem Ergebnis kommen kann. Trotz allem sollte man sich auch überlegen, wer cancelled. Denn es muss auch aufhören, dass immer noch eine weiße Mehrheit Diskurse für andere Menschen führt.

:Gerit Höller

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