Aus den Gedanken eines verbitterten Langzeitstudenten
Erstis sind die Pest am Arsch
mar
Zornerich Weiszgluth
Zornerich Weiszgluth

Bald ist es wieder soweit: Im U35-Takt werden neue Stampeden an die Ruhr-Universität zu Bochum geschwemmt. Darunter: Massen von Frischlingen. Hilf-, orientierungs- und vor allem ahnungslos. Ohne überheblich wirken zu wollen: Man möchte brechen.

„Entschuldigung, wo ist Raum GBXY 08/15?“, höre ich sie wieder ständig fragen. Versteht mich nicht falsch, es ist nicht so schlimm, nach dem Weg zu fragen. Aber als ich angefangen habe zu studieren, da konnte man noch Karten lesen! Gut, in den ganzen neuen Gebäuden, die seitdem entstanden sind, da kenne ich mich auch nicht so gut aus, da frage ich dann auch mal nach. Oder auch in den N-Gebäuden, oder auch bei den Ingenieurswissenschaften. Man kann ja nicht alles im Kopf haben! Nach 30 Semestern Studium, da wird der Raum im Kopf von wichtigeren Dingen beansprucht.

Und wie sie alle immer mit ihren Telefonen rumhantieren. Vor einigen Jahren tauchten die ersten Laptops auf, die wurden immer kleiner und immer mehr, heute wischen sie mit ihren zarten, jungen Pfoten ständig auf irgendwelchen Bildschirmen rum. Deswegen verlangen sie auch ständig, dass die Seminarlektüre „online“ und „digital“ verfügbar ist. Und die meisten Dozierenden machen dabei auch noch mit? Praktisch sei das, es spare Zeit, sagen sie. Ob ich es nicht auch wundervoll finde, dass alles Wissen der Welt im Netz verfügbar sei, fragen sie dann. Nein! Wie soll ich denn an die Texte kommen? Ihr nennt es effizient – ich nenne es faul. Und das sage ich nicht nur, weil ich mich nicht an neue Medien gewöhnen will. Das sage ich, weil ich diverse Gründe habe. Gute Gründe.

Und wenn ich sie schon die ganze Zeit von Regelstudienzeit reden höre! Kommen an die Universität, müssen heute nicht einmal Zivildienst leisten, sind noch so grün hinter den Ohren, dass du hinter den Lauschern die Gemüsetheke vermutest – dann aber so tun, als hätten sie Ahnung vom Leben. „Ich mache M. Ed.“, sagen sie ständig (zu meiner Zeit war das noch „auf Lehramt“!) oder haben irgend­welche ande­ren verqueren Berufswünsche. Und nach zehn Semestern haben sie ihren Abschluss in der Tasche und kurz darauf einen gut bezahlten Beruf. Denken Sie! Ich habe auch nach 15 Jahren Studium keinen Abschluss und keinen Beruf. Brauche ich auch nicht, ich wohne ja noch bei Mutti und bin glücklich damit. Gut, Mutti nicht so, aber ich.

Und überhaupt, was lernt man heute eigentlich in der Schule? Mit Computern umgehen, das können sie alle. Aber welcheR StudienanfängerIn hat heute schon Adorno gelesen? Oder noch schlimmer: Wer kann denn Marx zitieren? Spaß wollen sie heute haben und Wissen anschaulich präsentiert haben. Ich saß zu Schulzeiten an meinen Büchern. Ich kann zwar nicht sagen, dass ich eine spannende Jugend hatte, aber dafür kenne ich mich mit dem ideologischen Überbau längst gescheiterter politischer Systeme aus!

Dafür hetzen sie jetzt durchs Studium, nach „credit points“ hechelnd wie ein Verdurstender nach Wasser. Was früher der Wissensdurst war, ist heute der Durst nach „credit points“. Fasst Euch mal an die Nase und fragt Euch: Warum studiert Ihr eigentlich? Wollt Ihr was lernen, Euch bilden und weiterentwickeln? Seid Ihr lieber echte Menschen oder lieber funktionierende Zahnrädchen?

Ich mag verbittert sein, aber früher, da hat uns das Leben interessiert und nicht, was der Dozent oder die Dozentin von uns erwartete. Oder vielleicht verkläre ich das auch nur.

:Zornerich Weiszgluth
 

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