Bild: Dachte, dass alles in Ordnung ist: die Uni Duisburg-Essen. , Hochschulwesen und Weltpolitik Bild: lwey

Karriere. Ein „Islamexperte“ verliert seine Stelle an der UDE. Doch es geht um mehr als fragwürdige Abschlüsse.

Dass deutsche Spitzenpolitiker:innen ihre Karrieren zum Teil auf fragwürdig erstandene Professor:innen- und Doktor:innentitel aufbauen, ist seit Längerem bekannt. Es gibt derlei Fälle aber auch unterhalb der Ebene von Ministerial- und Kanzlerschaftsanwerter:innenposten. So trennten sich nun die Universität Duisburg-Essen (UDE) und die Landesregierung NRW nach jahrelanger Zusammenarbeit von einem Mitarbeiter, nachdem Ungereimtheiten in dessen Lebenslauf aufgedeckt wurden.
Der Politologe war seit fast zwölf Jahren als „Islamexperte“ für das NRW-Schulministerium tätig und hatte 2017 über dieses zudem eine Habilitationsstelle an der UDE bekommen. Beide Stellen hat er nun verloren, die Arbeitsverhältnisse wurden einvernehmlich aufgelöst, wie es heißt. Die Vorwürfe stehen allerdings bislang ohne endgültige Klärung im Raum, Medienberichten zufolge hat sich der Betreffende bis heute nicht geäußert. Angestoßen hatte das Ganze Die Welt am Sonntag: In einem längeren Rechercheartikel äußerte sie „erhebliche Zweifel am akademischen und beruflichen Hintergrund des einflussreichen Wissenschaftlers“. In dem Bericht legt sie dar, dass es um „einen offenbar erfundenen Job beim Bundespräsidenten“, „einen fragwürdigen Professorentitel“, der in der Form in Deutschland womöglich überhaupt nicht existiert, sowie „eine nicht auffindbare Dissertation“, die eigentlich an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main eingereicht worden sein soll, geht.

Die Zeitung aus dem Hause Axel-Springer hat sich die Recherchearbeit offenbar nicht ohne Grund gemacht: Der Autor des Investigativartikels, der bevorzugt über – und gegen – Muslim:innen, „Clans“, die türkische Außenpolitik, Fridays for Future und Linke schreibt, schließt mit seiner Nachforschung an Artikel der Welt an, die sich bereits zuvor mit dem betreffenden „Islamexperten“ beschäftigt haben. Damals war er noch auf inhaltlicher Ebene scharf von der Welt angegangen worden, weil er Kontakte zu DİTİB hatte. Bis 2007 soll er für den Verband aktiv gewesen sein. In seiner Tätigkeit für das NRW-Schulministerium hatte er dieses in Sachen islamischem Religionsunterricht beraten. Dabei hatte er auch die Zusammenarbeit mit DİTİB empfohlen.
Dies war sowohl bei der konservativen Springer-Presse als auch bei der rot-grünen Opposition in NRW auf Kritik gestoßen. Volker Beck, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Grünen, der selbst zwar im hessischen Frankfurt sitzt, sich aber berufen sah, von dort aus das Geschehen in NRW zu kommentieren, kritisierte: „Wir würden mit vergleichbaren Organisationen, die in verfassungsrechtlichen Fragen ähnlich merkwürdig aufgestellt sind wie die Ditib, niemals zusammenarbeiten, wenn sie deutsch oder christlich wären.“ Dabei überging der Politiker geflissentlich, dass seine Partei, wie auch die SPD, seit Jahrzehnten lokal, auf Landes- und auf Bundesebene mit DİTİB zusammenarbeitet.

Die DİTİB ist der größte Moscheeverband Deutschlands und nimmt für sich in Anspruch, die Mehrheit der türkeistämmigen Muslim:innen zu vertreten. Sie besteht seit 1984 und untersteht dem Präsidium für Religionsangelegenheiten in Ankara. Das war nie ein Geheimnis – und für die Bundesregierungen auch nie ein Problem. Erst Mitte der 2000er Jahre, als „der Islam“ zunehmend zum Feindbild wurde und die türkische AKP-Regierung autonomer von EU und NATO zu agieren begann, wurde DİTİB zunehmend zum Gegenstand von Streitigkeiten zwischen Berlin und Ankara sowie zum Ziel von Kritik aus den Reihen der jeweiligen deutschen Oppositionsparteien auf Lokal-, Landes- und Bundesebene.

Welche Auswirkungen die Affäre nun auf die Kooperation mit DİTİB beim islamischen Religionsunterricht in NRW hat, bleibt abzuwarten.  Generell dürfte sich aber wenig daran ändern, dass die Politik auf eine gewisse Zusammenarbeit angewiesen ist. Ob der kürzlich entlassene „Experte“ mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen muss, steht noch aus. Seiner Karriere dürfte die Affäre aber nicht gerade gutgetan haben.

:Leon Wystrychowski

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