Bild: Hoffentlich bald Geschichte: Wild West im Mittleren Osten. , 20 Jahre zu viel Bild: CC0

Kommentar. Die Taliban sind keine „Freiheitskämpfer“ – trotzdem ist die Vertreibung der Besatzer:innen richtig. 

2001 fielen westliche Truppen zum vierten Mal offen in Afghanistan ein. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Großbritannien gleich drei Mal versucht, das Land zu erobern – jedes Mal war das Weltreich gescheitert. In den 1970er Jahren geriet das Land wiederum in westlichen Fokus: In Kabul war eine pro-sowjetische Partei an die Macht gekommen. Deren interne Widersprüche und vor allem ihre ungeschickte Politik gegenüber der ländlichen Bevölkerung ausnutzend, bauten die USA mit Unterstützung Saudi Arabiens, Pakistans und Israels die sogenannten Mujahedeen auf. Der Begriff bedeutet „die, den Jihad führen“, also wörtlich das, was westliche Medien heute „Dschihadisten“ nennen. Damals freilich feierte man die Mujahedeen im Westen als „Freiheitskämpfer“, man schleuste sie zu tausenden ins Land, bildete sie militärisch und ideologisch aus und lieferte ihnen Waffen – alles natürlich verdeckt durch Geheimdienste, aber politisch offen unterstützt: So forderte der Spiegel etwa in einer Reportage von 1983 recht unverblümt mehr Waffen für diese „Widerstandskämpfer“, die mit „den Ungläubigen“ abrechneten. Da mit diesen „Ungläubigen“ damals sowjetische Soldaten, die interveniert hatten, und afghanische Kommunist:innen gemeint waren, war das völlig in Ordnung.

 

Bald schon aber war nicht mehr alles in Ordnung: Nachdem die Mujahedeen die Rote Armee vertrieben und die Regierung in Kabul gestürzt hatten, stellten sie sich plötzlich unter den Namen Taliban und Al-Qaida gegen die Interessen des Westens.  Während die Taliban als erzkonservative Stammesmiliz weder in der Lage war, für Ordnung in Afghanistan zu sorgen, noch dazu bereit, nach Washingtons Pfeife zu tanzen, ging Al-Qaida unter dem ehemaligen „Freiheitskämpfer“ Osama bin Laden dazu über, nachdem nun die „kommunistische Gefahr“ geschlagen war, jetzt gegen den US-Imperialismus und seine Lakaien in der islamischen Welt vorzugehen. Während die Taliban als erzkonservative Stammesmiliz weder in der Lage war, für Ordnung in Afghanistan zu sorgen, noch dazu bereit, nach Washingtons Pfeife zu tanzen, ging Al-Qaida unter dem ehemaligen „Freiheitskämpfer“ Osama bin Laden dazu über, nachdem nun die „kommunistische Gefahr“ geschlagen war, jetzt gegen den US-Imperialismus und seine Lakaien in der islamischen Welt vorzugehen. Es folgten Anschläge zumeist in Ländern des globalen Südens, bis Al-Qaida 2001 der Coup gelang, der die USA mehr als alles bis dahin provozierte – und ihnen zugleich den Vorwand bot, den Nahen Osten nach ihren Vorstellungen umzukrempeln. Kurz nach 9/11 erfolgte die Invasion in Afghanistan, 2003 im Irak. Letztere scheiterte am Widerstand der irakischen Bevölkerung und brachte zugleich den IS hervor.

 

Afghanistan war weniger spektakulär: Anders als im Irak wurde hier kein intakter Staat überfallen und zerschlagen, sondern ein Land, das die USA bereits zwei Jahrzehnte zuvor in eine Bürgerkriegsregion verwandelt hatten. Zudem besorgten sich Washington, Berlin und Co. ein UN-Mandat und erklärten, es gehe um den Bau von Mädchenschulen und Brunnen. In Wahrheit geht es natürlich auch in diesem Krieg um handfeste Interessen: Afghanistan ist damals wie heute ein geostrategisch wichtiges Land, das an China, Russland und Iran grenzt. Für Deutschland ging es zudem darum, nach dem Überfall auf Jugoslawien im Jahr 1999 einen weiteren Krieg zu führen, um das Tabu, dass deutsche Truppen nach 1945 wieder in fremden Ländern töten, endgültig zu brechen. Zudem konnte man hier, anders als bei der Bombardierung Belgrads, auch Bodentruppen und eine breite Palette an Kriegsgerät einsetzen und austesten. Insofern war Afghanistan als Selbstzweck schon ein Erfolg für die deutsche Politik. Bezahlt haben dafür in erster Linie Afghan:innen, und zwar zu Tausenden mit ihrem Leben. Westliche Soldaten morden dort, ohne belangt zu werden, auch deutsche. Das Land ist unsicherer als 2001, die Armut ist extrem hoch, Heroin der wichtigste Wirtschaftszweig und wer etwa nach Deutschland flieht, wird ohne Wenn und Aber abgelehnt und abgeschoben. Trotzdem war auch Afghanistan für den Westen und gerade für Deutschland eine Blamage, egal welches positive Bild Verteidigungsministerin Annegret Kram-Karrenbauer (CDU) zu zeichnen versucht. Was aktuell passiert, ist praktisch eine Flucht: Nach 20 Jahren sinnlosem Krieg sind die Taliban auf dem Vormarsch. Die Besatzer haben nie mehr als wenige Gebiete des Landes beherrschen können. Trump hat die Vorarbeit für den überfälligen Abzug geschaffen, Biden führt ihn unter Hochdruck zu Ende. Und Deutschland? Die Bundeswehr versucht panisch, keine Truppen mehr im Land zu haben, wenn die GIs weg sind. Allein ist die deutsche Armee offenbar noch lange nicht in der Lage, ein Land besetzt zu halten – zum Glück!

 

Die Friedensbewegung, Linke und sonstige Kriegsgegner:innen fordern seit Jahren zurecht den Abzug der Bundeswehr. Was sie nicht erreichen konnten, haben die Taliban erzwungen. Das macht diese ultrakonservativen Stammeschefs und Warlords und das Leben für die Afghan:innen erstmal nicht besser. Richtig ist es aber trotzdem. 

  : Leon Wystrychowski 

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