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Europas längster Konflikt  

Seit fast 1000 Jahren kämpfen die Ir:innen um ihre nationale Selbstständigkeit, seit weniger als 100 Jahren ist ein Großteil Irlands unabhängig. Der Brexit lässt die Spannungen im weiterhin unter britischer Herrschaft stehenden Nordirland wieder aufbrechen.  

Jahrhunderte bevor Europäer:innen Siedlerkolonien im südlichen Afrika, in Algerien oder Palästina gründeten, ja sogar noch lange vor der Unterwerfung und Besiedlung Amerikas und Australiens begann das britische Reich mit der Eroberung der Nachbarinsel Irland. Von 1171 an dauert es allerdings noch knapp 400 Jahre, bis die Engländer Irland größtenteils erobert hatten. In der Zwischenzeit war das United Kingdom protestantisch geworden und der Eroberungskrieg gegen die erzkatholischen „rothaarigen Barbaren“ wurde zusätzlich religiös aufgeladen. Ab dem frühen 17. Jahrhundert begann London mit der systematischen Verdrängung der irischen Indigenen, indem man in Irland königstreue englische und schottische Protestanten ansiedelte. Parallel wurden Aufstände mit harter Hand unterdrückt, Ir:innen systematisch diskriminiert, enteignet und in totale Armut gedrängt. 

Während 1848 in den meisten europäischen Ländern für Aufbruch und Revolution steht, ging im Irland der Jahre 1845 bis 1849 der Hungertod um: Die Kolonie war zur Korn- beziehungsweise Kartoffelkammer des Britischen Empire degradiert worden. Die dem Land aufgedrängte Monokultur, die der billigen Ernährung der englischen Arbeiterklasse dienen sollte, fiel einem Schädling zum Opfer. Zwei Millionen Ir:innen verhungerten, während das Britannien des Manchesterliberalismus unter Verweis auf den Feien Markt gelassen zusah und sich freute, vor den revolutionären Unruhen auf dem Festland sicher zu sein. Doch Nationalismus, Republikanismus und Sozialismus ließen sich nicht dauerhaft fernhalten. Ende des Jahrhunderts erstarkte auch in Irland der Ruf nach einer unabhängigen Republik. Während des Ersten Weltkriegs probten die Ir:innen 1916 den Osteraufstand, der blutig zerschlagen wurde. Drei Jahre später gründete sich die Irish Republican Army (IRA). Diese erkämpfte bis 1921 eine weitgehende Selbstständigkeit fast ganz Irlands, die 1949 zur Unabhängigkeit führte.  

Der Norden jedoch verblieb in Großbritannien. Hier lebten viele „Unionisten“, die protestantischen, pro-britischen und meist äußerst rechten Nachkommen der Siedler:innen. Ir:innen waren weiterhin Bürger:innen zweite Klasse, rassistisch diskriminiert und sozial benachteiligt. Dagegen formierten sich sowohl eine pazifistische Bürgerrechtsbewegung, die für gleiche Rechte eintrat, als auch eine Unabhängigkeitsbewegung, die für den Anschluss an die Republik Irland kämpfte. Deren militanter Flügel nannte sich ebenfalls IRA. In den 1960er bis 1990er Jahren, während der sogenannten „Troubles“, spitzte sich die Gewalt zu: Die britische Armee schoss auf friedliche Demonstant:innen, unionistische Paramilitärs terrorisierten die irische Bevölkerung und die IRA verübte im Gegenzug Anschläge. 1998 schließlich wurde das Karfreitagsabkommen geschlossen und die IRA-Mehrheit legte ihre Waffen nieder. Die Widersprüche sind allerdings nie völlig verschwunden: die Wunden sind tief und der Drang der Ir:innen nach Unabhängigkeit ist nicht verschwunden. Der Brexit hat die Grenzfrage zwischen Irland und Nordirland wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Während die einen Angst vor neuer Gewalt haben, hoffen andere, nun endlich die Unabhängigkeit erreichen zu können.                                              

  :Leon Wystrychowski

Rote Haare, rotes Blut 

Der Brexit macht nicht nur den Brit:innen das Leben schwer, sondern auch besonders den Ir:innen. Zwischen Seegrenzen, Beerdigungen und Krawallen ist alles mit dabei. 

Anfang April dieses Jahres, um Ostern herum, geht es wieder los: Krawalle in Belfast und anderen Orten Nordirlands. Alte Wunden werden durch den Brexit wieder aufgekratzt, die Pandemie verschlimmert die Lage. Was genau steckt hinter den Krawallen? Was haben der Brexit und die Pandemie damit zu tun? Und könnte es sein, dass sich Irland wiedervereinigt? 

Mit dem Brexit-Referendum 2016 geht auch die Gewalt in Nordirland wieder los. 2019 stirbt die Journalistin Lyra McKee bei Krawallen in Derry. Nun, 2021, gehen die Krawalle weiter. Jugendliche in Belfast bewerfen die Polizei mit Steinen, Feuerwerkskörpern und Molotowcocktails. Die Polizei antwortet mit Wasserwerfen – zum ersten Mal seit sechs Jahren, so die BBC. Die Justizministerin Naomi Long ist sich sicher: auf Twitter betitelt sie die Jugendlichen als „nationalistisch“, denn die Unruhen gehen teils von militanten protestantisch-loyalistischen Gruppierungen aus.   

Es gibt mehrere Aspekte, die die Menschen in Nordirland dazu bringen, auf die Straße zu gehen. Zum einen ist es der Brexit. Genauer gesagt das Protokoll zu Nordirland, eine Vertragsklausel aus dem Brexitabkommen, das seit dem 1. Januar 2021 in Kraft ist. Das Protokoll zielt darauf, eine harte Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland zu vermeiden, ganz im Sinne des Karfreitagsabkommens von 1988. Dieses Protokoll bedeutet jedoch auch, dass eine Seegrenze zwischen Nordirland und Großbritannien entsteht, denn die EU will Nordirland im Binnenmarkt und der Zollunion der EU behalten. Zumindest so lange, bis eine Lösung gefunden wird, die eine harte Grenze verhindert. Unionisten und Loyalisten missfällt diese Sonderbehandlung Nordirlands. Sie sehen das Nordirlandprotokoll als einen Schritt in Richtung Einigung und werfen dem Premierminister Boris Johnson Verrat vor.  

Ein weiterer Aspekt, der die Stimmung in Nordirland weiter aufheizt, ist die Beerdigung von Bobby Storey im Sommer 2020. Storey war ein ehemaliges IRA-Mitglied, das unter anderem bei der Gefängnisflucht aus dem Maze Prison 1983 beteiligt war. Zusätzlich war er ein northern chairman der Partei Sinn Féin, deren Ziel darin liegt, Irland zu vereinigen. Obwohl nur 30 Leute im Sommer 2020 aufgrund der Pandemie zugelassen sind, erschienen zu Bobby Storeys Beerdigung 2000 Menschen, ohne Maske und ohne Abstand. Unter ihnen zahlreiche Mitglieder von Sinn Féin. Trotz Verstöße der Parteimitglieder gegen die Corona-Regeln, wurden keine Ermittlungen begonnen und keine Konsequenzen folgten.  

In Belfast trennt eine Mauer katholische und protestantische Arbeiter:innenviertel. Die Lager sind auch nach Jahrzenten immer noch verfeindet – viele Protestant:innen fürchten um eine Wiedervereinigung Irlands. Ob dieser Fall eintreten wird, weiß nur die Zukunft. 

:Augustina Berger

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