Bild: Antimuslimische Gewalt ist Alltag in Deutschland — und richtet sich vor allem gegen Frauen. , Erkennen und entgegenwirken Bild: lewy

Islamfeindlichkeit. Antimuslimischer Rassismus ist alltägliche Realität — und wird doch noch immer geleugnet. Ein Workshop an der RUB gab einen ersten Einstieg.

Angriffe auf Moscheen und Muslime — im Durchschnitt werden in Deutschland jeden Tag mehr als zwei Straftaten aus islamfeindlichen Motiven begangen. Und das sind nur die offiziellen Zahlen: Die alltäglichen Beleidigungen und Diskriminierungen, die Muslime und vor allem Kopftuchträger:innen erleiden müssen, werden in der Regel nicht zu Anzeige gebracht, aus Scham, aus Angst vor der Polizei, weil den Opfern nicht geglaubt wird oder, weil sie ihre Geschichte nicht beweisen können. Trotzdem hat der Bundestag am Donnerstag, dem 14. Januar, mit den Stimmen von SPD, FDP, CDU/CSU und AfD einen Antrag der Linkspartei abgelehnt, der ein verstärktes Vorgehen gegen Islamfeindlichkeit einforderte. Während sich die Grünen enthielten, erklärte Christoph de Vries von der CDU, der von den Linken gewählte Begriff des antimuslimischen Rassismus sei ein „konstruierter Rassismusbegriff“, „quasi Rassismus ohne Rassen“, der auch vom türkischen Staats- und Regierungschef Erdoğan genutzt werde. Trotz all solcher Ausreden sind sich seriöse Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen und Betroffene einig: Islamfeindlichkeit ist ein reales Problem.

Die Tatsache klar zu stellen, dass es sich dabei auch um Rassismus handelt, war eine der offensichtlichen Herzensangelegenheiten von Maryam al-Windi, der Referentin, die am 13. Januar den Workshop zum Thema antimuslimischer Rassismus leitete. Die junge Frau ist Gründungsmitlgied von EmBIPoC – Empowerment von Black, Indigenous und People of Color, einer Hochschulgruppe an der Universität Kiel, und wurde vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) und der Initiative RUB bekennt Farbe eingeladen. Per Zoom führte al-Windi die zahlreichen Teilnehmer:innen in aller Kürze in die Grundlagen der Rassismus-Theorie ein, erläuterte, was es mit „dem Rassismus ohne Rassen“ nach dem Soziologen Stewart Hall (auch als Kulturrassismus bekannt) zu tun hat und wie dieser gesellschaftlich wirkt. Danach ging es in Break-out Sitzungen, in denen die Teilnehmenden über einen realen Fall diskutieren sollten, bei dem eine Bewerberin mit Kopftuch wegen ihr zugeschriebener Werte und Verhaltensweisen abgelehnt und zugleich explizit als nicht in eine „weltoffene und liberale“ Gesellschaft passend eingeordnet wurde.

Aufgrund ihrer Kürze, des Online-Formats und der Zusammensetzung der Veranstaltung war die theoretische Einführung zwangsläufig eher oberflächlich und es dauerte, bis Hemmungen überwunden wurden und Diskussionen in Gang kamen. Wegen des Charakters blieb die Diskussion zudem häufig bei Austausch über Erfahrungen und Befindlichkeiten und dem viel gepriesenen Bewusstsein und der Reflexion stehen. Auch schwer haltbare Aussagen, wie „Realität ist ein Konstrukt“ oder Antisemitismus sei mehr als „nur“ Rassismus, konnten nicht diskutiert werden. Für das Publikum, das sich vielfach offenbar zum ersten Mal mit dem Thema näher beschäftigte, war die Veranstaltung aber in jedem Fall geeignet und erfüllte ihren Zweck. Michelle (25) beispielsweise erklärt, dass ihr nicht bewusst war, wie stark der moderne antimuslimische Rassismus in mittelalterlichen und kolonialen Stereotypen wurzelt. „Ich habe am Workshop teilgenommen, um die Perspektive von Betroffenen kennenzulernen“, erzählt sie. Zwar kenne sie bereits einige schockierende Erfahrungsberichte aus ihrem Freundeskreis, doch habe sie das Bedürfnis, sich mehr mit dem Thema auseinander zu setzen. Rassismus sei ein Problem, das „gesamtgesellschaftlich anerkannt und dem entgegengewirkt werden muss“, so Michelle.

:Leon Wystrychowski

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