Bild: Legale Rausche: Ende des 19. Jahrhunderts wurde noch fleißig für Kokain als Schmerzmittel geworben., :bsz-Drogenreihe: Psychoaktive Wundermittel oder gefährliche Nervengifte? Die Neurobiologie hinter Drogentrips Foto: docbaba; wikimedia commons

Vom medizinischen Betäubungsmittel mauserte sich der Wirkstoff der Kokapflanze zunächst zum Rauschmittel für hippe Intellektuelle und KünstlerInnen. Mittlerweile haftet dem daraus gewonnenen weißen Pulver der Ruf an, zur Droge der Leistungsgesellschaft geworden zu sein – doch für die Leistungssteigerung und Euphorie muss langfristig teuer bezahlt werden.

Kokain liegt nach Cannabis und Heroin auf Platz drei der meist konsumierten illegalen Drogen weltweit. Geschluckt, geschnupft oder injiziert sorgt es für ein Hochgefühl und eine gesteigerte Leistungsfähigkeit. Seine schmerzstillende Wirkung macht sich die Schulmedizin heutzutage noch zunutze: AugenärztInnen verwenden Kokain bei bestimmten Operationen in Form einer Lösung oder Salbe als Lokalanästhetikum. Bis 1906 enthielt sogar die gute alte Coca Cola einen Extrakt aus Kokablättern – auf einen Liter Getränk kamen rund 250 Milligramm Kokain.

Multifunktionaler Wachmacher

Der Wirkstoff Kokain wird chemisch aus der in Südamerika beheimateten Kokapflanze gewonnen. Er regt im Gehirn alle wichtigen aktivierenden Botenstoffe an. Indem es die Wiederaufnahme von Dopamin, Serotonin und Noradrenalin nach deren Ausschüttung hemmt, kreisen diese während der Wirkdauer unablässig im Nervensystem. Das sorgt dann für den erwünschten leistungssteigernden Effekt: Es macht wach, euphorisch, und senkt Hungergefühl sowie Schlafbedürfnis. Körperlich zeigen sich die typischen Stressreaktionen wie Herzklopfen, Schwitzen und Pupillenerweiterung.

„Das weiße Pulver habe ich in meinem Kunststudium zum ersten Mal genommen. Ich musste eine Abschlussarbeit fertigstellen und fühlte mich unfähig. Ein Kollege gab es mir. Ich habe drei Tage nicht geschlafen. Es ist meine beste Arbeit geworden. Jetzt laugt mich Kokain nur noch aus, aber davon weg komme ich nicht.“
B., 28, Künstler, seit vier Monaten clean
„Heute denke ich mir, warum habe ich damit angefangen? Ich wollte Model werden, musste bei Shootings immer gut drauf sein, keine Müdigkeit zeigen. Ich bekam immer mehr Aufträge und so auch mehr Stoff. Irgendwann verlierst du deine Ausstrahlung, also keine Aufträge mehr und somit kein Kokain. Da fing ich an meinen Körper anders zu verkaufen.“
A., 24, Schülerin, seit sechs Monaten clean, seit zwei Jahren in Therapie

Schnell im Teufelskreis

Seine belebende Wirkung verliert Kokain jedoch in der Regel bereits nach 30 bis 60 Minuten. Anschließend holt sich der Körper zurück, was ihm die Droge genommen hat – es folgt ein lustloser, müder und teils depressiver Zustand. Nicht selten greifen KonsumentInnen dann erneut zum weißen Pulver, um wieder auf das berauschende Energielevel zu gelangen – was mitunter langfristig zu Wahnvorstellungen, Suizidalität und Abmagerung führt.

Zwar scheint Kokain nicht physisch abhängig zu machen; doch der psychische Zwang, sich den Kick immer wieder herbei zu schnupfen, ist ohne therapeutische Hilfe nur schwer zu bewältigen. Die leistungssteigernde und appetithemmende Wirkung von Koks ist allerdings in der heutigen Gesellschaft gerade bei Berufsgruppen wie ManagerInnen, SchauspielerInnen und Models erwünscht – und eben viel zu schnell zu haben.

Quelle-Pixabay-(CC0)

Steckbrief: Kokain

Erste Räusche: 3000 v. Chr. in Südamerika

Wirkstoff: Kokain (Methyl(1R,2R,3S,5S)-3-(benzoyloxy)-8-methyl-8-azabicyclo[3.2.1]octan-2-carboxylat)

Wirkung: leistungssteigernd, appetithemmend

Zu sehen in: „Blow“

In unserer Drogenreihe stellen wir Euch die Wirkungsweise verschiedener Substanzen vor – Erfahrungsberichte treffen auf Wissenschaft.

Lest hier auch den anderen bisher erschienenen Artikel der Reihe:

„Trendharz Cannabis“

„Schmetterling trifft Handgranate“

:Melinda Baranyai und Katharina Cygan

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