Bild: Zieht seine Leserinnen und Leser in einen wirbelnden Strom von Gedanken und Gefühlen: Der iranische Schriftsteller Mahmud Doulatabadi., „Nilufar“ von Mahmud Doulatabadi überschwemmt den Leser Foto: Stephan Wallocha

Auf den Verrat einer Frau folgt Verfall und Verdammnis: Der Iraner Mahmud Doulatabadi erzählt in dem Roman „Nilufar“ von den unsäglichen Qualen eines liebenden Mannes. Es gibt nichts Schöneres, als jemanden zu lieben und von diesem Jemand im gleichen Maße zurückgeliebt zu werden. Doch was passiert, wenn die Waage aus dem Gleichgewicht gerät? Wenn diese eine Person, nach der Du Dein ganzes Leben lang gesucht hast, Deine zweite Hälfte, sich unverhofft gegen ein Leben mit dir entscheidet?

Das persische Wort für Liebe – „Eschgh“ – stammt von dem Wort „Aschageh“ ab. „Aschageh“ bedeutet Winde: „Das ist eine Pflanze, die im Garten wächst, unter den Bäumen. Zunächst schlägt sie ihre Wurzeln tief in die Erde, dann erhebt sie sich, umschlingt den Baum und wächst, bis sie ihn ganz umschlingt. Dann beginnt sie, ihn zu quälen, raubt ihm die Nahrung, das Wasser und die Luft, bis er schließlich verdorrt.“ Für Gheiss, des Protagonisten des Romans, ist Nilufar solch eine Winde. Elf Jahre schmiegt sie sich liebevoll um Gheiss, gibt sich ihm vollkommen hin – um ihn dann zu verlassen.

Missgunst und Neid

Nilufar ist nach elf Jahren nicht mehr dazu in der Lage, sich gegen die Zwänge ihrer traditionellen Familie zu wehren. Ihre älteren Schwestern sind neidisch auf sie, denn Nilufar hat alles, was sie nicht haben: jemanden, der sie liebt. „Die Dritte Zunge ist eine Fremde, die eindringt in den geheimen Raum der zwei und keine Gelegenheit auslässt, ihre Angriffe gegen Freude und Lust zu beginnen.“ Der Altersunterschied zwischen Nilufar und Gheiss sei zu groß, sie müsse vorausschauend handeln, sie brauche jemanden, der auch in Zukunft für sie sorgen könne. Nilufar gibt nach.

Die Trennung treibt Gheiss in den Wahnsinn. Woran kann man noch glauben, wenn man vom Sinn seines Lebens verlassen wurde? War all das, was sie ihm gesagt hat, Lüge oder Wahrheit? Gheiss’ Inneres ist „verkrümmt“ und „verknotet“. Ihm scheint, ein Augenblick so wie die ganze Welt, wie der gesamte Kosmos habe keine Dimensionen und keine Orientierung. Zuvor hatte die Liebe viele Namen für Gheiss: Er taufte sie Nilufar (Seerose), Mahtab (Vollmond), Bochara (Nebel) und Zypresse. Nun bedeutet Liebe für ihn entweder Hass oder Tod. Für welchen der beiden Auswege wird sich Gheiss entscheiden? Wird aus einem Menschen, der zuvor nicht einmal eine Ameise töten konnte, letzten Endes ein Verbrecher?

Im Strudel der Hoffnungslosigkeit

Gheiss’ Orientierungslosigkeit spiegelt sich auch in der Erzählweise des Romans wider. Ständig und übergangslos wechselt die Erzählperspektive. Gheiss’ Gedanken springen unvermittelt zwischen Rückblicken, Berichten und Visionen. Vor den Augen des Lesers verschwimmen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer grauen Masse. Man wird mitgerissen in den scheinbar unendlichen Strudel der Hoffnungslosigkeit. Gheiss’ melancholische Gedanken drehen sich im Kreis, getrieben von Enttäuschung und Hass. Ebenso wie der Protagonist des Romans wird man als Leser in eine Melancholie versetzt, der man nicht entkommen kann. Und am Ende des Romans steht man buchstäblich wieder am Anfang. Nach 210 Seiten endet die Reise in einer Sackgasse, denn all „die Bilder und Wörter finden keine Nähe zueinander und können nicht miteinander verschmelzen!“

Mahmud Doulatabadi konzentrierte sich in seinen zuvor erschienenen Romanen vor allem auf die Themen Tradition, Verfall, Scham und Schuld. Auch in „Nilufar“ bleibt Mahmud Doulatabadi seinem Themenkomplex treu und ermöglicht seinen Lesern ein weiteres Mal den einzigartigen kulturellen Einblick in das persische Familienleben. Im Gegensatz zu seinem Roman „Der Colonel“, der 2009 weltweit zum ersten Mal veröffentlich wurde, steht jedoch in „Nilufar“ nicht der Krieg und die Revolution im Vordergrund. Doch auf den zweiten Blick erkennt man auch in diesem Roman die versteckte Kritik: Der Krieg hat Spuren hinterlassen, die selbst das Leben der nächsten Generationen noch wirkmächtig bestimmen.

Literarische Schwemme

Doulatabadi bedient sich in „Nilufar“ ebenfalls einer poetischen und musischen Sprache; seine Bilder, seine Metaphern, seine Vergleiche und Allegorien sind ausdrucksstark und geistreich, seine Charaktere wirken authentisch und naturgemäß. Allerdings kann genau diese Authentizität die Lektüre des Romans in einen nervenaufreibenden Akt verwandeln, denn Gheiss’ Gedankenströme bewegen sich im Teufelskreis, er kommt nicht mehr vorwärts, verliert jegliches Zeitgefühl, wird machtlos. Der Leser verliert sich in dem aussichtslosen Irrgarten von Gheiss’ Gedanken. Die Lektüre hinterlässt keine Klarheit. Der Roman überschwemmt seinen Leser, er ist wie eine Meeresflut, „wie die Flut, die allmählich hochsteigt und eine Insel verschluckt“.

Mahmud Doulatabadi:
„Nilufar“
Unionsverlag, 2013.
210 Seiten, gebunden, 21,95 Euro.

 

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