Bild: Will die Menschen zum Sprechen bringen: Madeline Doneit im Interview mit der :bsz., Vortrag „Wie machen wir Sex sexy?” am 25. November – Madeline Doneit im Gespräch Foto: as

Die Sexualpädagogin Madeline Doneit hat sich in ihrer Bachelorarbeit mit den Auswirkungen von gesellschaftlichen Machtverhältnissen auf unsere Vorstellungen von Sexualität auseinandergesetzt. Am 25. November wird sie dazu an der RUB einen Vortrag halten. Mit der :bsz sprach sie über ihre „Grauzonen“ und die Notwendigkeit beim Sex zu sprechen.

:bsz Madeline, was gibt es denn beim Sex zu reden? Ist das nicht mehr so der Moment zum Schweigen?

Madeline Doneit Ja, das kommt dann immer. Wir haben alle diese Vorstellung im Kopf, dass Sex einfach so ohne Worte funktionieren muss, weil es ja die natürlichste Sache der Welt ist. Klar benennen, was gefällt, was vielleicht besser gemacht werden könnte und was vielleicht sogar unangenehm ist, das gilt als krampfig und unsexy. Aber, wenn ich nicht sage, was ich möchte, kann es mein Gegenüber nicht wissen. Aber genau das fällt schwer. Unsere Vorstellungen, was Sex ist und wie er abzulaufen hat, sind historisch gewachsen und nützen auch wem. Wenn wir Sex sagen, dann meinen wir meistens Mann-Frau  –  Penis in die Vagina. Aber Sex ist ja sehr viel mehr. Unsere Vorstellungen von den angeblich so natürlichen Dingen stehen uns da im Weg, deshalb möchte ich dazu anregen sie zu hinterfragen.

Dein Vortrag hat den Titel „Wie machen wir Sex sexy?“ Ist Sex denn nicht per se sexy?

(lacht) Wenn die Sache nur so einfach wäre. Sexy Sex ist für mich, wenn alle Beteiligten Lust empfinden, Spaß haben und Sachen machen, auf die auch alle Bock haben. Unsexy Sex ist Sex, bei dem ich an Grenzen stoße, wenn ich nicht sagen kann, dass mir etwas keine Lust mehr bereitet, dass ich was anderes will oder dass ich aufhören will – aus Angst, aus Scham oder dem Gefühl, das jemandem schuldig zu sein. Das sind ja alles Themen, die schon lange in der feministischen Szene diskutiert werden. Aber eine Veranstaltung mit dem Titel „Grauzonen und Konsens beim Sex“ oder „Only Yes means Yes“ sagt meistens nur Eingeweihten etwas, deshalb der catchy Titel. Das Wissen soll ja unter die Leute.

Aber versteht es sich denn nicht von selbst, dass keineR etwas macht, was dem anderen nicht gefällt? Alles andere ist doch eher ein Fall für die Polizei und nicht für die Sexualpädagogin.

Die Sache mit der Polizei ist gar nicht so leicht. Es gibt da die Vorstellung, eine Vergewaltigung ist, wenn eine Frau im Park spazieren geht und plötzlich springt ein Mann aus dem Gebüsch. Sie wehrt sich mit Händen und Füßen, aber er schafft es, sie zu penetrieren. Dieses Bild ist so stark, dass alle Situationen, die nicht ins Bild passen, nicht als Grenzüberschreitung eingeordnet werden. Meistens findet so etwas im sozialen Nahraum statt – das heißt, die beiden kennen sich. Und häufig ist keine physische Gewalt im Spiel, aber psychischer und emotionaler Druck. Das ist mit „Grauzonen“ gemeint.

Was würdest Du entgegen, wenn Dir jemand sagt, dass erst das Sprechen über die Grauzonen Probleme schafft, die vorher nicht da waren?

Ja, das kommt häufig. Aber es ist ja so, dass es da eine ganz große Unzufriedenheit gibt und ein mulmiges Gefühl. In meiner Arbeit als Sexualpädagogin, aber auch in meinem Bekanntenkreis kommt mir das sehr häufig unter. Der Sex wurde nicht als lustvoll erlebt, etwas war unangenehm, hat vielleicht sogar wehgetan und hinterher steht die Frage: Warum war ich passiv und habe es über mich ergehen lassen? Ich will den Menschen keine Probleme einreden – ich möchte, dass sie die Probleme, die existieren, thematisieren, um so eine erfülltere Sexualität zu haben.

Die Veranstaltung findet am 25. November statt, dem Tag gegen Gewalt gegen Frauen – ist jede schlechte Erfahrung beim Sex gleich Gewalt oder eine Vergewaltigung?

Es geht nicht darum, den einzelnen Mann an den Pranger zu stellen oder mit Schuldzuweisungen um sich zu werfen. Es geht darum, für Grenzüberschreitungen zu sensibilisieren, die „Grauzonen“ anzusprechen und sichtbar zu machen. Häufig haben Frauen dafür keine Worte, sondern nur ein mulmiges Gefühl. Das heißt aber nicht, dass jede schlechte Erfahrung gleich Gewalt ist. Häufig passieren Grenzüberschreitungen nicht bewusst. Wenn nichts artikuliert wird, kann unter Umständen auch nicht klar werden, dass Grenzen überschritten werden. Wenn er sie zum Beispiel fingert und ihr tut das weh, sie aber sagt nichts, wird er weitermachen und sie sich weiter unwohl fühlen.

Ist das ein Frauenproblem?

Na ja, es ist immer noch so, dass es da einen Doppelstandard gibt. Frauen dürfen und sollen jetzt auch Lust am Sex haben, aber es gibt immer noch die alten Normen, die Frauen nur als passiv wahrnehmen oder zu Schlampen machen; während Figuren wie Barney Stinson gefeiert werden. Frauen und Mädchen wird auch kein Wissen an die Hand gegeben. In meiner Arbeit fällt mir immer wieder auf, was für ein Tabuthema weibliche Selbstbefriedigung ist. Mädchen lernen sexy für andere zu sein, anderen Lust zu bereiten und ihre eigenen Vorlieben kennen sie häufig nicht. Was wiederum nicht heißt, dass Männer keine Grenzüberschreitungen erleben können. Männliche Unlust oder Passivität sind wahnsinnige Tabuthemen. Dann heißt es: Was, Du willst nicht? Aber Männer wollen doch immer. Und dann fühlt er sich verpflichtet, obwohl er keine Lust hat.

„Wie machen wir Sex sexy?“
Wissenschaftliche Einführung mit anschließender Diskussion
Montag, 25. November, 18 Uhr
Frauenraum GA 04/61
für eventuelle Änderungen bitte Homepage beachten:
autonomes-frauenlesbenreferat-bochum.de

5 comments

  1. Meine Meinung
    Ich stimme Madeline Doneit in vielen Punkten zu.Aber was sollen wir denn wirklich gegen die Männerdominanz tuen?Die Welt ist doch weiterhin eine Machowelt und das männliche Geschlecht weiterhin das stärkste.Das ist einfach so…Ich denke in Deutschland haben sich Frauen ihre Rechte schon hart erarbeitet und es gibt eine Reihe von Clubs und Instutionen,wo sie sich austauschen können und über ihre Rechte diskutieren können.Man sollte auch immer über die Landesgrenzen hinausschauen und sehen,wie die Situation in anderen Ländern aussieht.Dort herrscht regelrechter Machismus.Man sollte auch betrachten,dass in einer funktionierenden Beziehung und Ehe meiner meinung nach über alle sexuellen Lüste gesprochen werden sollte.Ich denke,dass man mehr über Sex diskutieren sollte,wo die Partner sich lieben und über Sex,wo keine wirkliche Liebe vorhanden ist…Ich denke Liebe fühlt man..und dann werden die angesprochenen Probleme deutlich reduziert…Das öffentliche Sexuellbild der Frau zu ändern ist denke ich ziemlich kompliziert…Es ist ein interessantes Thema,was aber nun mal nur in der Partnerschaft gelöst werden kann…Man sollte doch uch mal hinterfagen,zu wieviel Prozent der Mann meistens der dominaNte Sexuapartner ist..Irgendwas ist doch da tief gewachsen…Aber wenn man offen in der Partnerschaft darüber spricht ,dann kann man die Rollen auch tauschen…Grüße aus Pott Andi

  2. Schön, dass auch wichtigen
    Schön, dass auch wichtigen Themen, die alle angehen, Platz in der bsz eingeräumt wird. Danke an die Autorin, ich hoffe es wird einen Nachbericht zur Veranstaltung geben.

  3. Schön und schade
    Ich unterstütze diese und ähnliche aktionen sehr und hoffe dass die Allgemeinheit für derartige Themen weiter sesibilisiert wird.
    Es ist schön zu sehen dass wir inzwischen derart offen über diese Probleme informieren können und jeder seine eigene Selbstbildung in diesem Bereich zu entwickeln vermag.
    Vor einigen Jahren wäre das sicher weniger einfach gewesen.

    Was ich jedoch schade finde, aber vieleicht habe ich es nur falsch verstanden, ist die absolute Fixierung auf Frauen als Opfer dieser Probleme.
    Zwar wird in einem Halbsatz auch erwähnt dass es Männer schwer haben können, aber das Gros derartiger Veranstaltungen und Gedanken umfasst doch noch immer die Frau und weniger den Mann als Opfer, obwohl auch dieser ein Recht auf erwähnung haben sollte.
    Als persönlich Betroffener sehe ich das evtl. etwas kritischer als viele Andere, doch ein solcher Vortrag der nicht zwischen Geschlechtern unterscheidet, oder eine 50/50 Verteilung dieser Themen hat würde mich und sicher auch eine Menge der ansonsten weniger interessierten Männer mehr ansprechen, da er uns persönlicher abholen würde.

    Dennoch freue ich mich auf den Vortrag und über die Aktion als Solche sehr. 🙂

  4. Schön und mutig
    An den über mir: Also wenn jemand was freiwillig anbietet, hat man keine Ansprüche zu stellen. Männer werden oben doch auch explizit erwähnt. Wie grotesk: Sie redet über ihre Erfahrungen und das was Frauen und Männer berichtet haben und du hast gleich Angst, als Mann zu kurz zu kommen.

    Ich geh doch auch nicht zu nem Walfanggegner und sage „Schade, dass du dich nicht gegen Wilderei in Afrika einsetzt“. Sie schließt doch Männer auch nirgendwo aus. Verstehe dein Problem nicht.

    Von „Frauen als Opfern“ ist auch nirgendwo die Rede.

    Also: leben und leben lassen. Wenn andere im Fokus sind, heißt das nicht, dass man selbst sofort zu kurz kommt. Einfach mal Win-Win spielen 😉

    Geh doch einfach hin. Und wenn du einen Aktivisten suchst, der sich ganz auf Männer konzentriert (oder Männer ganz explizt anwirbt), warum machst du das nicht? Du scheinst ja Interesse zu haben.

    An: Madeline: Einfach toll! 🙂 Gerade durch die Pornobranche werden wir heute so pseudoaufgeklärt. Viele Männer z.B. wissen gar nicht, dass es keinen vaginalen Orgasmus gibt (höchstens einen sehr indirekten klitoralen)

    Hab in Foren massenhaft Threads gelesen, in denen ein Mann glaubte er sei ein Versager oder seine Freundin irgendwie „kaputt“, weil sie ohne Klitoris nicht kommt. Und wie viele Frauen denken, sie hätten Orgasmusprobleme. Wie viele vortäuschen, weil sie Angst um das fragile Ego des Partners haben (der ja durch dieselben Pornos den Leistungsdruck hat)

    Wie viele Männer glauben (auch durch Pornos), „er“ müsse nur hart und groß genug sein. Dabei ist die Kenntnis um Klitoris und errogen Zonen 10mal wichtiger. Und das Thema „Porno als Nichtbeispiel“ ist nur eins von so vielen.

    Finde es sehr gut, dass sich jemand unserer modernen Sexualnormen so kritisch annimmt. Ich persönlich habe den Eindruck, wir sind durch die stereotypen Internet-Pornobilder viel unfreier geworden. Dieses öde Neuzeitkamasurta hat die Aussage:
    „Ein großes Ding ist alles und Frauen wollen erniedrigt werden“

    Wir haben m.E. einen Riesen-Rückschritt gemacht in Sachen „Was macht Frauen Spaß? Was macht uns als Partnern gegenseitig Spaß?“ Aber das ist sicher auch der Prostitutionsexplosion geschuldet. Diese lehrt Männer: „Sie hat keine sexuellen Vorlieben, sie hat keinen eigenen Männergeschmack, es geht beim Sex nur um das, was ich geil finde.“ Männer werden wieder verlernen, sich hübsch zu machen, gut zu riechen, zu wissen, dass sie ncht nur Sexualsubjekt, sondern auch Objekt sind im gleichberechtigten Akt. 100 Jahre zurück.

    Solange Prostitution legalisiert ist, werden Frauen und Männer in Deutschland keine gleichberechtigte, empathische Sexualität leben können. Die Skandinavier (sexuell sehr offen) sind da weiter. Vielleicht gerade weil das archaisisch-patriarchische System Prostitution dort per Freierbestrafung elegant unterbunden wird.

    In jedem Fall: ich bin gespannt auf deinen Vortrag und deine Thesen zu dem Thema. 🙂

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