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Spät ist es geworden, als der Autor Hans Nieswandt die Bühne des Rottstr.5-Theaters betritt, um sein noch unveröffentlichtes Romanmanuskript „DJ Dionysos“ exklusiv zum Bochumer Rundlauf vorzustellen. Verduzt blickt Nieswandt ins Publikum. „Ich dachte, es kämen so 40 oder 60, aber dass ihr alle gekommen seid, ist wirklich wunderbar.“ – Der Laden ist gerappelt voll. Stühle müssen rausgeschafft werden. Theatermacher Arne Nobel schleppt und flucht so recht nach Seemannsart. Drinnen schwitzen junge Körper im Zigarettenqualm, die Lesung als Rockkonzert. Das kann ja heiter werden. Nieswandts neuer Roman erscheint erst im Herbst – so wird die Lesung zum letzten Probelauf für den Stichwortgeber der Diskowelt, der selbst ganz begeistert ist und sich immer wieder in ausufernde Diskussionen mit dem Publikum verstrickt. Diese familiäre Atmosphäre soll zur Grundstimmung des gesamten Festivals werden.

Niveau vernetzt

Organisationstalent Guy Dermosessian hatte sich einiges vorgenommen. Der DJ, der den Clubgängern als Initiator der Funkloch-Partys bekannt sein dürfte, war überrascht über die Vielfalt der Bochumer Kulturszene, nachdem er vor zweieinhalb Jahren im Pott angekommen war. Schnell war die Idee entstanden, die unterschiedlichen Bochumer KünstlerInnen zu vernetzen und sie und ihre Arbeiten gemeinsam an einem Festival in ungewöhnlichen Locations zu präsentieren. Gäste waren herzlich willkommen. So musste man sich nicht wundern, wenn sich vor dem RNDM-Store an der Alten Hattinger Straße die Jungs vom Londoner Label „twosickbastards“ rumlümmelten und ihre neusten T-Shirt-Designs performten, gleich nebenan der noch nicht renovierten neuen Goldkante, die für den Rundlauf ausnahmsweise ihre Pforten öffnete, so dass dort ein Auftritt des „99cent Theaters“ zu sehen war sowie die Vernissage der Malerin Marion Stephan, die mit ihrer Boys-Serie die KritikerInnen begeisterte.

Die Boys-Serie von Marion Stephan. - Foto: Marion StephanEin Gang durch die Industriehalle des „Freien Kunst Territoriums“ an der Diekampstraße ließ die Werke von Gabi Moll und Dorothee Schaefer erlebbar werden. Im Hintergrund gaben The Chicks ein Unplugged-Konzert, das Catering besorgte die Crew vom Ebstein und abends gab es noch einen Video-Slam, doch die meisten BesucherInnen waren noch zu kaputt von der Electro-Party am Abend zuvor. Es ging rund an den zwei Tagen. So soll es auf Wunsch des Veranstalters von nun an jedes Jahr werden.

Wirkung nach innen und außen

Guy Dermosessian entspannt sich. Alles hat gepasst. Am ersten Tag fügte sich der Rundlauf in die bewegte Stadt und ergänzte mit Niveau die herkömmlichen Tanz-in-den-Mai-Angebote, und am zweiten Tag erklärte er den Feiertag zum Tag der Kunst. Aber brauchte Bochum wirklich noch ein neues Festival? Dermosessian ist sich da sicher: „Mir ist aufgefallen, dass nach den großen Festivals – wie etwa Bochum Total – die Stadt wieder genauso aussieht, wie zuvor“, so der Veranstalter. Diesmal wird etwas zurück bleiben. Man ist sich näher gekommen. Das Netzwerk der lokalen Szene ist dichter geworden, ihr Bekanntheitsgrad größer. Nächstes Jahr will man noch ein Brikett drauflegen, aber bis hierin sei man zufrieden.

„Puh, das war ’ne Menge Arbeit.“ Der Veranstalter sammelt die letzten Bierflaschen ein – Respekt. So viel Eigeninitiative ist selten in Zeiten eingefrorener Fördertöpfe. „Hat doch Spaß gemacht“, so Dermosessian, springt auf sein Skateboard und verschwindet in die Nacht.

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