Wenn die sozialdemokratische Oberbürgermeisterkandidatin ein „ganz neues Medium“ ankündigt, darf man gespannt sein. Was erwartet uns? Etwa 4D-Wahlwerbung, bei der man Ottilie Scholz nicht nur hören und sehen, sondern auch riechen kann? Oder kleine völlig autark handelnde SPD-Roboterkatzen, die man nach dem Tamagotchi-Prinzip hegen und pflegen muss, und die sich dann mit knuddeligen Ausreden für die Stadtpolitik entschuldigen?
Wer darauf gehofft hat, liegt leider falsch. Es wird kein Oberbürgermeisterinnen-Odor aus unseren Fernsehern wehen. Und wer ein sozialdemokratisches Haustier haben will, muss nach wie vor dem eigenen Dackel eine Franz-Müntefering-Maske aufsetzen – oder sich vielleicht gleich eine Dogge anschaffen, dann ist die Maske überflüssig. By the way: Haben Sie schon einmal das Foto von Wolfgang Thierse neben das eines Orang Utans gehalten? Aber wir schweifen ab. Was uns Ottilie Scholz auf der Homepage der sozialdemokratischen Wählerinitiative BWI stolz vorstellt, das „ist sozusagen eine Videobotschaft, die wir auch in regelmäßigen Abständen senden wollen“.
Bravo, Bochum! Nachdem die kleinen Internet-Videos sogar schon im Iran ganz groß die Politik beeinflussen, haben es Youtube und Co endlich auch das Kampagnenbüro der Bochumer SPD geschafft. „Liebe Bochumerinnen und Bochumer, ich stehe hier in einer wunderschönen Grünanlage eines Alten- und Pflegeheimes“, rauscht es da aus den Laptop-Boxen. Oder im Verkehrslärm vor dem Schauspielhaus: „Und auch wenn der Haushalt im Moment nicht gerade so optimistisch ist, wir werden darum kämpfen, dass wir die großen Projekte auch realisieren können.“
„Das ist ne tolle Frau“, erklärt Münte im Bochumer SPD-Videopodcast, und Hannelore Kraft ergänzt: „Klare Kante, dafür steht die SPD.“ Außerdem könnten wir Ottilie Scholz „gut gebrauchen in diesen schwierigen Zeiten. Deshalb: Glück auf für Bochum, Glück auf für Ottilie Scholz.“
Fast könnte man glauben, den Bochumer GenossInnen wäre überhaupt nichts mehr peinlich. Aber eben nur fast. Denn während wir uns vor verbalen Stilblüten kaum noch retten können, scheint sich die Partei für das, was sie in der kommenden Legislaturperiode vor hat, ernsthaft zu genieren. Auf den Internet-Homepages der Partei ist das Kommunalwahlprogramm jedenfalls überhaupt nicht zu finden. Aber macht ja nix – wer braucht schon Inhalte, wenn die Spitzenkandidatin eine so schöne weiße Tolle hat? Und ein öffentliches Wahlprogramm wäre eh ziemlich lästig. Denn da könnten die BürgerInnen ja nur auf unverschämte Ideen kommen – zum Beispiel, hinterher eines der Wahlversprechen auch wirklich einzufordern.
rvr

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