Und alle schauen weg
Seit rund vier Jahren vollzieht sich laut Presse- und Werbetexten an unserer Ruhr-Uni ein intensiver Erneuerungsprozess. „Auf der Basis strategischer Vorteile (Campus-Universität, breites Fächerspektrum, Spitzenstellung im Bologna-Prozess) werden institutionelle Reformen vorangetrieben.“ Ziel dieser Erneuerungen ist die Hatz auf einen Top-Ten-Platz in den DFG-Forschungsrankings und das in möglichst allen Wissenschaftsbereichen.

Um solch hohe Ziele zu erreichen, müssen nicht nur die internen Maschinerien der einzelnen Fakultäten wie geölt laufen und ihre ganz persönlichen Werbetrommeln rühren. Auch die Ruhr-Uni als Ganzes- als funktionierende, wartungsfreie Einheit muss glänzen. Dazu ist vielerlei nötig. Die Vernetzung zwischen den Verantwortlichen des Fortschritts muss stehen, die ForscherInnen müssen zuverlässig arbeiten und blitzgescheite neue Dinge entdecken. Außerdem ist der Einsatz hochmoderner und intelligenter Medien und Technologien von Nöten. Der RUBcast zur akustischen Nachbereitung der Vorlesung ist hier nur der erste Schritt. Weitere Schritte müssen folgen, um wahrhafte Exzellenz auszustrahlen.
„Was wäre es doch schön, allen Studierenden den freien Zugang zu Bildung noch einfacher zu gestalten,“ muss sich einE schlaueR VerantwortlicheR da gedacht haben und entschloss sich kurzerhand, eine Wagenladung „Bild“ auf dem Campus verteilen zu lassen. Bild bildet schließlich, so hatte er gehört. Selbst gelesen hat er das Magazin natürlich nie.
Da stolpern nun die Studierenden von früh bis mittags verschlafen über die Uni-Brücke, denken auf dem Weg von U35 nach HZO 30 an nichts Schlimmes und bekommen ihr Frei-Exemplar der oben erwähnten Tagespresse in die noch steifen Glieder gedrückt.

Ein rabenschwarzer Tag

Erst als man im Hörsal nach dem ersten Kaffee langsam erwacht, wundert man sich über die viele Druckerschwärze an den Fingern und beginnt zu begreifen. Es ist nicht eine dieser vollgepackten Ersti-Promo-Tüten mit Seife und Kondomen drin, sondern „Ich habe hier die Bild vor mir auf dem Tisch liegen.“ Wer jetzt nicht schreiend aufspringt und den nuschelnden VerteilerInnen des Wisches ihr Exemplar sowas von um die Ohren haut, sollte sich ernsthafte Gedanken machen, ob er nicht auf der falschen Straßenseite der Uni-Brücke ausgestiegen ist.
Die VerteilerInnen selbst dürfen sich kurz freuen, dass sie einmal im Leben an der Uni waren und sind ab sofort ungebetene Gäste. Ich hoffe inständig, dass hier nicht selbst Studierende für einen Hungerlohn geholfen haben, diesen Müll zu verbreiten. Apropos Studierende: Von einer politisch aktiven Studierendenvertretung und auch von der nicht so konservativen oder desinteressierten Hälfte der restlichen Studierendenschaft, erwarte ich an diesem Punkt der Geschichte mehr als bloße Blicke der Verwunderung oder gar Freude, wenn man auf dem Campus eine „Bild“ bekommt. Nochmal zum Mitschreiben: Auf dem Campus eine „Bild“!

Dürfen die das?

Anstatt hier einzugreifen, wo Bildung bitter nötig ist und die Otto-Normal-Studierenden vielleicht etwas schüchtern sind, bekam ich von Mitgliedern mehrerer linker, alternativer oder sonstwie aktiven Listen nur die Begründung „dass die das doch dürfen“ und man nicht weiter einschreiten müsse. Doch! Bitte tut das. Genau dafür seid ihr da. Auch wenn die Sonne brennt und die Verführung durch ein kaltes Bier lockt: Wenn wir als Studierende und die Ruhr-Uni nach außen nicht als völlig dumm verkauft werden möchten, gehört die „Bild“ nicht hierher.
Um nun den Untätigen nicht alle Schuld in die Schuhe zu schieben, seien auch die Verantwortlichen der Genehmigung dieser Aktion eindringlich vor einer Wiederholung verwarnt.

Ein Leser

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