Bücher für unterm Weihnachtsbaum
Popcorn und Schmetterling
Cover: Berlin Verlag
Tim Renner/Sarah Wächter: "Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten" und Hannah Rothschild: "Die Jazz-Baroness". Cover: Berlin Verlag
Tim Renner/Sarah Wächter: "Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten" und Hannah Rothschild: "Die Jazz-Baroness".

Musik verbindet, heißt es ja so schön. Ob das stimmt, sei mal dahingestellt. In diesem Fall verbindet die Musik zwei Bücher, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das eine ist ein Sachbuch und handelt von denen, die auszogen, um das große Geld in der Musikindustrie zu machen. Das andere ist eine Biografie von einer, die das große Geld hinter sich ließ, um sich selbst und den Jazz zu finden. Für den Weihnachtsbaum eignen sie sich beide.

Potentielles Weihnachtsgeschenk Nummer eins, „Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten“ (ein Zitat der Band Die Sterne) stammt aus der Feder eines AutorInnenduos: Tim Renner und Sarah Wächter. Beide darf man mit Fug und Recht InsiderInnen der Musikindustrie nennen. Wächter ist ehemalige DJane und leitet jetzt ihre eigene PR-Firma „s’läuft!“. Renner ist ehemaliger CEO von Universal Deutschland und ein Wiederholungstäter. Sein letztes Buch „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ (auch hier ist der Titel ein Sterne-Zitat) begleitete Renners Universal-Kündigung und ist eine visionäre Analyse der verpassten Chancen der Major Labels angesichts der Herausforderungen des Internets. Im aktuellen Buch zaubert er gemeinsam mit Wächter weniger schlaue Zukunftsprognosen aus dem DenkerInnenhut, sondern kramt vielmehr in der alten Anekdoten-Mottenkiste.

Lach- und Sachgeschichten aus der Popwelt

Wer gerne InsiderInnengeschichten liest, kommt hier voll auf seine/ihre Kosten: Renner und Wächter hauen die Anekdoten raus, als gäbe es kein Morgen oder keinen neuen Buchvertrag. So erfährt man, dass Till Lindemann, der Frontmann von Rammstein, sich mal bei einem USA-Auftritt zwecks Effekthascherei mit großen Neonröhren auf den nackten Oberkörper schlagen ließ – was in Europa problemlos funktioniert hätte, da die Leuchtkörper hier implodieren, wenn man sie zerschlägt. Anders in den USA, wo sie ordentlich zerdepperten, was dem Frontmann Scherben im Fleisch einbrachten, der aber, weiterhin den deutschen Hünen mimend, weiterspielte. The show must go on. Ähnlich aufschlussreich sind auch die anderen anekdotenhaften Analysen des Musikmarktes: Dem/der FrontsängerIn nicht die Show stehlen, KünstlerInnen brauchen Charisma, Casting-Show-Teilnehmende haben das eben nicht und so weiter. Da wundert es auch nicht, dass das Buch ohne Literaturverzeichnis auskommt – hier geht es nicht um messerscharfe Analysen, sondern um bestes Popcorn für den Bücherschrank. Wer also auf der nächsten Party mit der Antwort auf die Frage, warum Eminem rote T-Shirts trägt und mal platinblonde Haare hatte, glänzen möchte, sollte dringend zugreifen. Wer die Wahrheit über die Popindustrie lesen möchte, der wird sie weiterhin irgendwo da draußen finden.

Der Schmetterling, der eigentlich ein Nachtfalter war

„Schmetterlinge sind Nachtfalter mit besseren Imageberatern“, empört sich der Insektenforscher gegenüber der Autorin. Pannonica Rothschild hatte aber Zeit ihres Lebens behauptet, dass sie nach einer Schmetterlingsart benannt worden sei, obwohl sie die Wahrheit gekannt haben musste – meint zumindest eine, die es wissen muss: Auch potentielles Weihnachtsgeschenk Nummer zwei ist eine Art InsiderInnenbericht – Hannah Rothschild schreibt in „Die Jazz-Baroness“ über das turbulente Leben „der anderen Rothschild“, ihrer Großtante Pannonica de Koenigswarter, geborene Rothschild. Die Autorin lässt ihre gut recherchierte Biografie nicht als abgeschlossene Geschichte daherkommen, sondern schildert ihr Suchen und Finden der Lebensgeschichte einer ungewöhnlichen Frau, mit der sie verwandt ist. Die spätere Jazz-Baroness wird 1913 in London als jüngstes von fünf Kindern in den englischen Zweig der einflussreichen Bankiersfamilie Rothschild geboren. Bis in die 50er Jahre schien ihr Lebensweg, zumindest nach außen, einer Frau ihres Standes zu entsprechen. Dann verließ die Diplomatengattin ihren Ehemann, weil er „nur Marschmusik mochte“, wie sie in einem Interview gesagt haben soll. Nica Rothschild tauchte in der New Yorker Jazz-Szene unter, wo sie, weiterhin extrem wohlhabend, Mäzenin von Größen wie Thelonious Monk oder Charlie Parker wurde. Die reiche Weiße, die sich in Spelunken unter schwarze Musiker mischt? – Der Skandal war perfekt, der Rassismus unverhohlen. Hannah Rothschild nimmt die Lesenden mit auf eine Entdeckungsreise, die die Geschichte hinter dem Skandal sucht und eine faszinierende Frau findet, die stur tat, wonach ihr war. Rothschild gelingt elegant der Spagat zwischen dem Spiel mit ihrer Familienzugehörigkeit, dem Versprechen einer Enthüllung der sonst so verschwiegenen Familie und einer seriösen Biografie. Sie thematisiert ihr eigenes „Rothschildsein“ gerade so viel, um die Lesenden bei Laune zu halten und ein Gefühl von Authentizität zu vermitteln, und wenig genug, um nicht ins Boulevardeske abzurutschen.