Frauenräume in Mülheim: 5 Çayı – eine Teestube von und für Frauen
Immer herein in die gute Teestube
Foto: as
Ein Ort des Austausches: Die Teestube von und für Frauen in Mülheim. Foto: as
Ein Ort des Austausches: Die Teestube von und für Frauen in Mülheim.

Den „Fünf-Uhr-Tee“, bei dem die Arbeit mal kurz ruhen darf und Zeit für Neuigkeiten und Erfahrungsaustausch geschaffen wird, kennen nicht nur die EngländerInnen, sondern er kann auch auf eine lange Tradition in der türkischen Gesellschaft zurückblicken. Die Mühlheimer Teestube 5 Çayı von und für Frauen ist ein gemeinsames Projekt mit dezentrale/Ringlokschuppen in der Mülheimer Leineweberstraße, in Kooperation mit dem autonomen FrauenLesbenReferat und dem autonomen AusländerInnen Referat des AStAs der Ruhr-Universität Bochum und wird vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. Die :bsz hat mit der Initiatorin Kezban Iscan-Kirbas gesprochen.

:bsz Liebe Kezban, was ist die Teestube und seit wann gibt es sie?
Kezban Iscan-Kirbas: Die Teestube ist ein Ort nur für Frauen, der zum Austausch, zum Kunst und Kultur Erproben angedacht ist. Seit 24. Februar 2013 kann man regelmäßig immer sonntags von 15-20 Uhr zum Tee Trinken, Theater Machen, Diskutieren,  Tanzen,  Erzählen und Singen vorbei kommen. Es ist ein offener Raum für alle Frauen, egal welcher Generation.

Was passiert dort, wie habe ich mir das vorzustellen?
Gemeinsam mit der Theaterpädagogin Selma Scheele organisiere ich  jeden Sonntag einen künstlerischen Workshop von 15-17 Uhr. Zum Beispiel erzählen Frauen in kleineren Übungen biographische Geschichten, oder wir bringen bekannte Frauenmärchen mit, die sie mal aus der Perspektive einer männlichen Figur erzählen, mal konzentrieren sie sich auf die Nebenfiguren und mal spielen sie die Geschichte eben pantomimisch vor – wie sie die Geschichte erzählen und was sie daraus zaubern, ist ihre Sache. Wichtig ist, dass sie selbst Geschichten produzieren. Nach dem künstlerischen Workshop gehen wir über zum Tee trinken, wo weiterhin miteinander gesprochen wird. Und hier entstehen die „eigentlichen Geschichten“: Zuletzt habe ich „Prostitution und Fremdgehen“ als Diskussionsthema unter Studentinnen und Putzfrauen genossen. Die Putzfrauen verdammten solche Frauen, die mit ihren Ehemännern schliefen und die Studentinnen überzeugten sie zur Solidarität mit diesen. So, um eine kleine Anekdote  zur Frauenteestube zu geben. Sie ist eine Plattform für alle Frauen zum Austausch mit der kritisch/ anders oder gleich denkenden Frauenschicht.

Warum gerade ein Projekt von und für Frauen – warum nichts „allgemeines“?
Die Erfahrungen der Teestube haben gezeigt, dass ein geschützter Raum für Frauen die beste Voraussetzung ist, um gemeinsam sowohl Sprach- als auch Kulturbarrieren zu überwinden und sich neu zu begegnen. Frauen, die sich womöglich in Gegenwart von Männern mehr zurückziehen, erhalten Raum und stoßen auf Frauen, die ganz andere Vorstellungen von Familie und Privatleben haben.
Das Projekt zeichnet sich sowohl durch sozialpolitische als auch durch künstlerische Aspekte aus. Zum einen bietet es einen Raum für Frauen, der unabhängig von ideologisch gestützten Verbänden ist und zum anderen werden Frauen aller Kulturen und jeden Alters, vor allem aber Frauen mit Migrationshintergrund, angesprochen – eine bislang kaum repräsentierte Gruppe. Ein wesentlicher Punkt des Projektes ist es, dass Frauen aus den sogenannten sozialen Randschichten besonders hervorgehoben,  in und an  die Öffentlichkeit getragen werden sollen, um das Unsichtbare sichtbar zu machen.

Wie bist du auf die Idee zum Projekt gekommen?
Ich wollte eigentlich, dass die Frauen, über die die deutschen Medien oder Statistiken immer wieder berichten, selbst auf die Bühne gehen und von sich erzählen. Frauen, an denen man oft vorbeigeht und sie nicht direkt wahrnimmt, zum Beispiel Putzfrauen. Sie haben eine Geschichte, die mich interessiert.
Wie wird das Projekt bisher angenommen? Welche Frauen interessieren sich dafür?
Das Projekt wird von ganz unterschiedlichen Frauen aus Mülheim, Essen, Bochum und Recklinghausen besucht. Wie soll ich die kategorisieren? Die sind ganz verschieden: Mütter mit ihren Töchtern, Erasmusstudentinnen aus der Türkei, Rentnerinnen, Auszubildende, Hausfrauen, Ingenieurinnen... Manche kommen nur einmal, manche zu jedem Termin und manche zwischendurch, da die Teestube vom Format her sehr offen ist. Manche wollen immer kommen und können selten oder nie, weshalb wir uns Strategien überlegen müssen, um auch diese Frauen zu erreichen.

Warum tust du dir den Stress an?
Das hat zwei Gründe: Zum einen, weil sich das Projekt künstlerisch auf eine neue und unbekannte Forschungsreise begibt, um tatsächlich eine Möglichkeit zu finden, den Raum „zwischen“ den Kulturen mit den Frauen zu entdecken, sich selbst in diesem Zwischenraum zu positionieren und diese Erfahrungen künstlerisch umzusetzen. Somit habe ich „Raum, um meinen Geist entfalten zu können“, um es mal mit Virginia Woolf auszudrücken. Zum anderen, weil es schlichtweg ja mal eine tun musste. Da konnte auch ich diejenige sein, die Zeit und Energie für die Frauen einsetzt. In Mülheim hat mir der Ringlokschuppen seine Unterstützung angeboten, um meine Idee realisieren zu können. Die Frage lautet dann eher: „Wenn nicht ich, wer dann?“

Und was planst du als nächstes?
Ich arbeite daran, das Projekt „Ein Raum für Frauen“ ab September 2013 fortzusetzen – doch die Realisierung hängt noch von den Fördergeldern ab.