Kommentar: Es ist falsch, PolitikerInnen für Emotionen zu kritisieren
Geste des Grauens

Der Mittelfinger ist ein Symbol der sozialen Herabwürdigung. Er kann Karrieren beenden. Nun sehen wir ihn bei Sigmar Gabriel, der ihn pöbelnden Neo-Nazis entgegenhält, die seinen Auftritt in Salzgitter stören. Gehört der Staatsmann dafür auf die Abschussliste?

Da zeigt ein Politiker eine unmissverständliche Geste. Sofort fragt die Presse: „Darf ein Vize-Kanzler das?“ Vorausgegangen waren einseitige verbale Attacken. Aufrührerische Neonazis beschimpften den SPD-Mann und wurden sogar persönlich: Mehrfach spielten sie auf die nationalsozialistische Vorgeschichte seines Vaters an. 

Der sozialdemokratische Finger befindet sich in prominenter Gesellschaft; Peer Steinbrücks inszenierter Stinkefinger auf dem Cover der SZ im Wahlkampf 2013 brachte ihm ordentlich Ärger ein. Der Unterschied: Steinbrück wollte polarisieren und scheiterte. Gabriel hingegen wird wohl niemand eine Strategie unterstellen. Denn es war keine politische Aktion, sondern eine persönliche. Gabriel wurde als Privatperson angegriffen und reagierte als solche. Natürlich hängt die Reaktion auf eine Aktion stets vom Wesen des Agierenden ab. Der Mittelfinger ist zwar nicht sonderlich elegant, hat aber mit emotionaler Reife auch nichts zu tun. Wenn wir ehrlich sind, hält lediglich der Bußgeldkatalog der Straßenverkehrsordnung den Durchschnittsbürger regelmäßig davon ab, ihn im Alltag zu benutzen.

Übertragen wir also die Grundsätze

Man sollte daher fragen: Klingen die echauffierten Stimmen nicht heuchlerisch? Ja, Sigmar Gabriel ist ein Politiker. Er müsste mit unangenehmen Situationen umzugehen wissen. Nun ist es unwahrscheinlich, dass die Geste affektiert geschah. Der möglichen Konsequenzen war er sich bewusst, seine Botschaft wollte er trotzdem rüberbringen.

Ein Politiker ist Vertreter des Volkes. Wir verlangen, dass er mit seinem gesamten Wesen für unsere Interessen einsteht. Gleichzeitig darf er nicht, wie wir, menschlich sein. Das ist paradox. Wenn wir, die WähleInnen, also in einer vergleichbaren Situation nicht anders reagieren würden, warum sollte er es dann tun? 

:ksz

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