:bszWeihnachtssatire - Die traurige Ballade vom Weihnachtsmann und dem Krieg

„Wirklich nur die drei Tage“, flehte der alte Mann. Drei Tage – damit hatte sein Bart nichts zu tun. Wie eine geplatzte Wolke hing er ihm im gutgenährten Gesicht. Schneekristalle waren daran festgefroren, und der bittende Mund war unter dem weißen Zuckerwattegestrüpp kaum zu erkennen. Der Schädel seines Gegenübers war wie üblich unter einer Kapuze verborgen und nur seine Worte manifestierten sich als kalter Hauch in der frostigen Winterluft: „Drei Tage jährlich, nicht mehr, nicht weniger.“ Eifriges Nicken brachte den Rauschebart zum Wippen. „Aber“, fuhr die Kapuze fort und brachte damit die Bewegung des Kopfes zu einem abrupten Ende. Nur die Gesichtsbehaarung wippte noch ein Weilchen weiter, als könne ihr der Frost nichts anhaben. „Wenn du auch nur ein einziges Mal den Wunsch nach Krieg und Blutvergießen verspüren solltest, werde ich das Zepter auch an diesen Tagen wieder übernehmen. Hast du das verstanden?“ Die ergrauten, buschigen Brauen unter der weißen Krempe der roten Mütze des Bärtigen hoben sich in Erstaunen. „Warum sollte ein Mensch so etwas wollen?“, stieß er hervor. „Oder ich?“ „Also ist es abgemacht?“, schnarrte der Eishauch aus der Kapuze. Aus dem weiten Mantelärmel streckte er dem Alten durch die kalte Luft eine skelettierte Hand entgegen. Dieser schauerte, ergriff dann aber die bleichen Knochen und drückte beherzt zu. „Abgemacht!“ Er drehte sich postwendend um und stapfte zu seinem Schlitten. „Ho!“, rief er zaghaft, dann immer kräftiger, je weiter sich sein Gefährt gen Norden entfernte. „Ho ho ho!“ Das leere Antlitz der Kapuzengestalt blickte den sich langsam wieder füllenden Kufenspuren noch lange nach.

Zwischenspiel:
Singende Kinder: „Und so zieht Jahr um Jahr ins Land,
die Menschen werden mehr. Jedoch der arme Weihnachtsmann, er kommt nicht hinterher.“
Weihnachtsmann: „Ich halste mir selbst Arbeit auf, indem ich lange schwieg. Jetzt sage ich es frei heraus: Ich wünsche mir es wäre Krieg!“

Lachend wich der Alte der zischenden Rakete aus, so knapp, dass der ihr nachfolgende Glutschweif seinen Bartzipfel versengte. „Was für ein Anblick“, schwärmte er und blickte nach unten auf das rot-goldene Meer aus Feuer und die dampfenden Schwaden, aus denen in unregelmäßigen Abständen bunte Attraktionen in ballistischen Flugbahnen emporstiegen. „Wisst ihr noch, im letzten Jahr?“, fragte der Bemützte sein Gespann. Selbst wenn die stoisch ziehenden Tiere ihn verstanden hätten, die spezielle Anatomie der Paarhufermäuler wäre der Kommunikation nicht zuträglich gewesen. Unbeirrt fuhr der Dicke fort: „Dreimal mussten wir zurückkommen, war das eine Schlepperei. Und jetzt, wusch, einfach drüber hinweg.“ Über seinen unrasierten Kinnen machte sich ein selbstzufriedenes Lächeln breit.

Epilog:
Weinende Kinder: „So herrschen Krieg und Leid und Angst, jederzeit auf dieser Welt. Doch das braucht dich ja nicht zu stör’n, solang’ dir dein Geschenk gefällt!“