Bomben gegen Autonom(i)e

Es gibt so Begriffe, die gehen einfach nicht mit der Konjunktur: Kritik, Mündigkeit oder Opposition sind solche Wörter. Da kommt dem Neoliberalen der Brechreiz. Gut, dass jetzt mit dem AfE-Turm in Frankfurt ein regelrechtes Reservoir eines solchen kritischen Geistes weggesprengt wurde. In dem 1972 gebauten Hochhaus der Goethe-Uni strebten die meisten StudentInnen das Lehramt an; Geistes- und Erziehungswissenschaften wurden hier studiert (oder gelebt).

Einer der Erzieher dieser Erzieher war niemand Geringeres als Adorno. Sein kritischer Geist schwebte lange in diesem sonst so hässlichen Gebäude: „Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand“, so sein Konzept, das jedeN noch so toleranten KleinbürgerIn zur Rebellion drängt: „Dialektik und Widerstand, zum Teufel, wie soll man damit Schacher machen?“ Das dialektische Denken machte ganz schnell – und dialektisch – den dialektischen Sprung zur Praxis: Allmählich entstand eine Hegemonie der Spontis; das bedeutete Irregularität, kritische Reflexion und vor allem Widerstandsfähigkeit. Hier schaltete und waltete jetzt der Geist der Studentenbewegung. Gelegentlich wird noch von Ohr zu Ohr die Legende weitergeflüstert, dass hier die höchste 68er-Eminenz zu Gast war: Rudi Dutschke höchstpersönlich. Angeblich soll er hier mit den Grünen geflirtet haben, die damals auch noch so rebellisch waren, jetzt aber … Na ja, wer weiß, was Rudi Dutschke dazu gesagt hätte, würde er noch leben … Vom 68er-Geist zeugten noch zuletzt die Graffitis an den grauen Betonwänden: „Autonom leben und denken“ oder „Randale, Bambule, Frankfurter Schule“.  Liebe LeserInnen: Dort hätte statt politischen Slogans auch Ihre Schleichwerbung stehen können!

Jetzt fanden auch Blockaden statt, zuletzt 2006 im Rahmen der Proteste gegen Studiengebühren. Denn leider war die Gebäudekonstruktion perfekt für Blockaden. Während dieser Zeit eigneten sich die Studierenden das Uni-Gebäude an, etablierten eine Verwaltung, betrieben sogar ein eigenes Café (50 Cent pro Heißgetränk). Ja, das Ganze artete darin aus, dass sich die StudentInnen dem selbstbestimmten und kritischen Studieren widmeten und sich dem Leistungsdruck widersetzten; mehr noch: Der Betonklotz wurde ein Hort, der sich der Konsumwelt, der Kapitalzirkulation entzog – die wahrste Immobilienblase. Da rätselt auch der Neokonservative: „Wo soll man sich denn da Dissertationen kaufen?“ Hier wurde derart kritisch diskutiert, opponiert und experimentiert, dass das bürokratisierteste VSPL-System kollabiert wäre. Dieser kritische Geist hat sich zwar längst jede CP-Akkreditierungsdignität verspielt, aber Frankfurter Schule und APO auf der einen und AfE-Gebäude auf der anderen Seite verhalten sich wie Flasche und Geist zueinander. Am besten komplett weg mit diesem Flaschengeist und (Ironie der Geschichte) wer weiß besser als die 68er, wie man kritischen Geisteslebe die infrastrukturelle Grundlage entzieht. Mit einer von Vatis Sünden: Bomben und Dynamit.

Die Sprengung wurde zum kulturellen Ereignis, ein wahres Happening: 30.000 Schaulustige waren anwesend, TV-Sender übertrugen das Event live. KulturpessimistInnen kann jedoch Entwarnung gegeben werden: Das kritische Kulturleben geht weiter! Fragen Sie mal den Sprengmeister Eduard Reisch, der von einer „Bilderbuchsprengung“  spricht. Und weiter: „Kurzzeitig war der Gebäudekern nackt.“ Welch erotische Poesie! Und der Polizeipräsident? „Das war ein chirurgischer Feineingriff.“ Jawohl, Herr Polizeipräsident, der faule Zahn ist gezogen, und der Patient, das deutsche Hochschulwesen, ist auskuriert, die Symptome Diskussionskultur und Systemkritik abgeklungen. Wer braucht Adorno und Co., wenn die DSDS-Jury um Bohlen das Maß der Kritik sind? Weg mit dem kritischen 68er-Flair. Der neue Campus ist schick, durchreguliert und funktional – eine Bologna-Bilderbuch-Uni.