Kultur
Umbruch und Neukoordinierung: Essen, Dortmund und Oberhausen als Vorreiter
Arbeit zwischen den Kulturen mit Spaßfaktor – auch wenn das Kulturzentrum Grend in Essen-Steele zehnmal soviel Fördermittel erhält wie das Katakomben-Theater Essen: Johannes Brackmann (Geschäftführer Grend) und Kazım Çalışkan (Leiter des Katakomben-Theater) bei einer Podiumsdiskussion im Grillo-Theater Essen. Foto: Yavuz Arslan

Längst haben die Leuchtturmprojekte der Kulturhauptstadt an Strahlkraft verloren, und die „Interkulturabteilung“ der Ruhr.2010 GmbH tritt als solche nicht mehr in Erscheinung. Die Staffel wurde an den Regionalverband Ruhr (RVR) übergeben, und dieser zeigt bisher kein Profil. Auch das Schauspielhaus Bochum als einstiger kultureller Impulsgeber der Stadt hat sich im Bereich der Interkultur verspekuliert. Während hier auf diesem Gebiet Konzeptlosigkeit vorherrscht, blüht in den Nachbarstädten neues interkulturelles Leben. Die :bsz hat einen der Hauptakteure, Uri Bülbül vom Katakomben-Theater Essen, zu den aktuellen Entwicklungen auf diesem Sektor befragt.

Studierende präsentieren Macbeth-Premiere im Theater an der Rottstraße
Wahnsinn und Machthunger: Macbeth wütet im Theater unter den Bahngleisen. Foto: © Sabine Michalak

Eine kurze Unterbrechung ist notwendig, zum Verschnaufen. Macbeth ist hier ein Burn-out-Tyrann. Da braucht‘s erstmal eine Zigarettenpause. Direkt vor der ersten Reihe wird sich hingehockt, ein paar Schlucke aus der Wasserflasche, langsame Zigarettenzüge, bevor es mit einem fetten Monolog weitergeht. Mit dem blauen Dunst werden die shakespeare‘schen Blankverse in den Bühnenraum entlassen. Macbeths Untergang steht bevor, ist ihm längst in die Glieder gefahren.

Beim audiovisuellen Spiel mit Extremen gibt’s Grenzerfahrung zum Mitmachen
Formen und Farben fließen: Bunte Installationen im Wittener Treff.	Foto: dESTRUKTIVA

Dunkelheit und Stille werden aufgebrochen: In langsamen Klangfolgen dröhnt übersteuerter Gitarrenlärm, dazu brennt sich die unpassend schnelle Abfolge von Lichtblitzen aus einem Stroboskop in die Netzhaut. Der Kodiak-Ableger Nightheart macht Drone, ein extremes Subgenre von Doom Metal. Neben acht weiteren Acts werden die zwei Musiker am Samstag (15. Februar) im Kulturzentrum Treff in Witten spielen. Und genau wie ihre Musik werden auch die experimentellen Klänge ihrer Künstler-KollegInnen aus den Bereichen Noise, Elektro und Krautrock schwer zugänglich sein. Jeder Annäherungsversuch aber ist ein Wagnis, das sich lohnen könnte. Nicht zuletzt, weil das Publikum eingreifen darf. Mit einfachen Licht-Installationen können die Gäste nach Gusto den sonst dunklen Raum bespielen.

Groteske Inszenierung sowjetischer Politik der 20er Jahre
Minimalistisch, aber nicht öde: Die Theatergruppe des Lotman-Instituts. Foto: kac

Am kommenden Wochenende, den 8. und 9. Februar, findet die Wiederaufnahme des Theaterstücks nach Bulgakows „Hundeherz“, einer düsteren Satire mit Frankenstein-Anleihen, auf der Studiobühne der RUB statt.  Die Lotman-Theaterguppe inszeniert eine Organtransplantation auf offener Bühne.

:bsz-Nebenjob-Serie: „Alles außer kellnern“ – Teil III
„Es gibt keine Rose ohne Dornen“: Der Lehrbuchtitel verrät schon, dass es im Polnischen viele Ausnahmen von der Regel gibt. Foto: kac

Je weiter hinten man im Klassenzimmer sitzt, umso leichter sollte es eigentlich fallen, im Notfall ein wenig zu mogeln. Könnte man meinen, aber im 21. Jahrhundert werden auch diese einstigen Freiräume fürs Spicken nun kameraüberwacht. Vor allem dann, wenn LehrerInnen wie Katharina ihren SchülerInnen per Internet aus hunderten Kilometer Entfernung auf die Finger schauen. 

Eröffnung des Doku-Festivals „Stranger than Fiction“: Mano Khalils „Der Imker“
Präsentierte seinen Dokufilm „Der Imker“ im Endstation.Kino: der syrische Regisseur Mano Khalil. Foto: bent

Damit wäre das Filmjahr auch im Ruhrgebiet endgültig eingeläutet: Die 16. Ausgabe des Dokufilmfestivals „Stranger than Fiction“ präsentiert wieder ein breites Panorama des Dokufilms, egal ob internationale Filme oder Produktionen aus NRW. Schon traditioneller Austragungsort ist das Endstation.Kino in Bochum-Langendreer, das auch in diesem Jahr am Festivalstartwochenende beteiligt war. So wurde schon vor dem offiziellen Bundesstart an den Kinos die Preview-Vorstellung von Mano Khalils „Der Imker“ gezeigt – inklusive anschließendem Publikumsgespräch mit Khalil. 

Dokufilm über die Täter des Holocaust: „Das radikal Böse“
Gemeinsames Feierabendbier mit den Kameraden – nach den Massenexekutionen. Quelle: docMovie

Vorstellungen über das Böse werden vom Film gerne mitgetragen. Meist wird es als etwas Fremdartiges, das von außen auf die Menschheit stößt, mystifiziert, in Form furchteinflößender Wesen oder asozialer PsychopathInnen. So ist es erträglich. Mit Stefan Ruzowitzkys (Oscar für „Die Fälscher“) Dokumentar-Essay „Das radikal Böse“  ist es ausgerechnet ein Film, der das Böse ins Alltägliche einbettet – in der Auseinandersetzung mit der Massen­ermordung tausender Juden und Jüdinnen. Ausgehend von den Gedanken Hannah Arendts, von der ein Satz dem Film vorangeschickt wird, ist es die alltägliche Banalität, mit der sich das Böse vermengt – das Unmenschliche im Menschlichen.

Wir sind nicht Detroit, wir bleiben Bochum: Ausstellungseröffnung vorm Theater
Marshmallows und die Kunst. Wärmenedes Feuer während der Ausstellung. Foto: mar

Am vergangenen Freitag wurde auf dem Hans-Schalla-Platz vor dem Bochumer Schauspielhaus die Ausstellung „Abbruch Aufbruch“ eröffnet. Ein Container beherbergt 20 Bilder von Fotograf Martin Steffen, der zusammen mit den brennenden Ölfässern rundherum die desolate Lage der Stadt Detroit romantisiert und damit sagt: „Bochum ist nicht Detroit“.

Polyluces drängen auf die Studiobühne der RUB am 18. und 19. Januar
 „Hast Du Dich nicht auch schon immer gefragt, welches Geschlecht ein Overheadprojektor hat, oder was sie machen, wenn niemand dabei ist?“, fragt Caroline Königs. Foto: kac

Am Wochenende, dem 18. und 19. Januar, führt die Theatergruppe Spielwut im Musischen Zentrum das Stück „Sinn und Unsinn – Die homoerotischen Polyluces – Ein ultradramatisches Theaterstück über das ‚Leben in 11 Bildern‘“ von Caroline Königs auf.

Was sind Polyluces, bzw. was ist ein Polylux? Menschen, die im Osten Deutschlands aufgewachsen sind, können diese Frage noch heute sicher beantworten. Hier im Ruhrgebiet tun wir uns dagegen etwas schwerer damit. Es sind die langsam in Vergessenheit geratenen Tageslichtschreiber oder Overheadprojektoren, die diese Woche neu ins Leben gerufen werden sollen.

„[FI‘LO:TAS]“ nach Lessing feierte Premiere in den Bochumer Kammerspielen
Ein Stuhl als einzige Requisite: Minimalistisches Theater mit großer Wucht. Foto: Katharina Mraz

Vor zwölf Jahren griffen der Regisseur Roger Vontobel und die Schauspielerin Jana Schulz in ihrer ersten Zusammenarbeit Gotthold Ephraim Lessings Einakter „Philotas“ (1758) auf und mischten das Aufklärungsstück mit der Geschichte des jungen Amerikaners John Walker Lindh, der für Schlagzeilen sorgte, als er im Afghanistankrieg auf den Seiten der Taliban gegen das US-Militär kämpfte. Die Inszenierung „[FI‘LO:TAS]“ des Theater-Duos Vontobel/Schulz wurde gefeiert und mit Preisen ausgezeichnet. Im Rahmen der Lessingtage wurde das Stück wieder am Hamburger Thalia-Theater aufgeführt. Nun gastierte das Duo auch in den Bochumer Kammerspielen.

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