Die ewige Jugend im Theater Dortmund
Zwischen ferner Zukunft und hochaktueller Gegenwart
Bild: Birgit Hupfeld
Rebellin Nina (Bérénice Brause): Sie stellt sich gegen die Verlängerung des Lebens durch „The Fix“. Bild: Birgit Hupfeld
Rebellin Nina (Bérénice Brause): Sie stellt sich gegen die Verlängerung des Lebens durch „The Fix“.

Theater. Zusammen mit vier Schauspiel-Studierenden der Kunstuniversität Graz inszeniert das Theater Dortmund den Sci-Fi Stoff „Everything Belongs to the Future“. Im Stück geht es um aktuelle Themen wie soziale Ungerechtigkeit und die Suche nach der ewigen Jugend.

„Everything Belongs to the Future” spielt in einer Zukunft im Jahr 2098, in der ein Medikament erfunden wurde, dass den Alterungsprozess stoppt. Die Pille, „The Fix“ genannt, ermöglicht einen lang gehegten Traum der Menschheit – die ewige Jugend. Doch der Zugang zum Wundermittel ist nicht gerecht verteilt. Nur die Reichen sind in der Lage, sich das Anhalten der Zeit zu leisten. Gegen diese Verhältnisse stellen sich Nina (Bérénice Brause), Alex (Mario Lopatta) und Dave (Frieder Langenberger), welcher das Medikament ursprünglich erfand, aber von der sozialen Ungerechtigkeit desillusioniert ist. Während sie zunächst versuchen, ein Generikum des Medikaments zu entwickeln und es so den breiten Massen zugänglich zu machen, entdecken sie stattdessen ein Präparat, das einen rapiden Alterungsprozess verursacht und als Waffe verwendet werden kann. Der Text ist eine Adaption des gleichnamigen Romans der bekannten Feministin Laurie Penny, der für die Dortmunder Bühne von Anne-Kathrin Schulz übersetzt und von Laura N. Junghanns inszeniert wurde.


Farben der Zukunft

Die Bühne (Bühnenbild: Maria Eberhardt) illustriert die futuristische Handlung und die Realität der darin stattfindenden sozialen Ungerechtigkeit. Im vorderen Teil stehen eine Couch und ein Hocker, darunter ein alt anmutender Perserteppich. Der Großteil der Handlung spielt in dieser heruntergekommenen Wohngemeinschaft der Charaktere. Dahinter befindet sich eine Wand mit zwei Fenstern links und rechts und einem in der Mitte, die sowohl Einblick in den Raum hinter der Wand geben, aber auch mit Projektionen bespielt werden können. Der Blick durch die Fenster ist milchig, wodurch die Figuren, die sich dahinter bewegen und vor hellfarbigen Vorhängen stehen, weichgezeichnet wirken. Wie Versuchsobjekte, die sich zur Konservierung in einem Wassertank befinden.


Zukunft im Jetzt

Zwar vermittelt die Bühne das Zerrbild einer Utopie – und auch deren Bruch – äußerst gut, jedoch vermag dies der Text nicht immer. Denn obwohl die Handlung mehrere Jahrzehnte in der Zukunft spielt, ist dies nur aufgrund von „The Fix“ erkennbar. Das liegt unter anderem an dem nicht wahrnehmbaren Bruch zwischen unserer Gegenwart und der dargestellten Zukunft. In den Dialogen werden Themen des Feminismus, des
Anti-Rassismus und der Kapitalismuskritik mit einer diskursiven Aktualität behandelt, die das Verorten der Handlung in ferner Zukunft unglaubwürdig macht. Dies wird unter anderem an einer Stelle deutlich, an der Nina in ihrer rebellischen Wut die feministische Forderung hinausschreit, „dass wir uns alle wieder einen Busch wachsen lassen können“. Einerseits verwehrt diese Stelle die Anerkennung eines derzeit bereits entstehenden Umdenkens zur körperlichen Selbstbestimmung von Frauen, indem es den aktuellen Stand des Diskurses zugunsten der Fiktion auf einen Nullpunkt zurücksetzt, zum anderen ist es ein Beispiel für die zeitliche Ambivalenz der Inszenierung. Denn dadurch entsteht ein Spalt, bei dem zwar alles Jetzige der Zukunft gehört, jedoch dieser nichts eigen ist.                       

:Stefan Moll

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