Viele Fragen – und keine Antworten
Wuppertal: Tod in Polizeigewahrsam
Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und Migrant:innen
rauer und Wut: Mahnwache am 7. November vor dem Wuppertaler Landgericht.

Es ist der dritte Fall in zwei Jahren: Die Wuppertaler Polizei steht in Verdacht, einen jungen Griechen getötet zu haben.  

Am frühen Morgen des 1. November starb der 25-jährige Giorgos Zantiotis in Wuppertal, nachdem ihn die Polizei festgenommen und von seiner Schwester Maria getrennt hat. Diese erfährt von seinem Tod erst Stunden später. Laut Polizei habe der junge Mann nach einer Blutabnahme „plötzlich das Bewusstsein“ verloren und sei anschließend verstorben. Fremdverschulden? Natürlich keines. Ein von der Schwester aufgenommenes Video, auf dem man sowohl sieht, wie Beamte auf ihrem Bruder knien, als auch hört, wie ein Kollege sie auffordert, das Filmen einzustellen, war da bereits an griechische Freunde gegangen – zum Glück. Das Video landete bald auf der griechischen Version des linken Plattform Indymedia und fand so den Weg zurück nach Deutschland: Aktivist:innen und Journalist:innen griffen es auf und hakten bei der Polizei nach, die eine Meldung über den Todesfall für nicht notwendig erachtete. So wurde Giorgos’ Tod erst nach rund einer Woche öffentlich bekannt. 

Seither fanden in Wuppertal bereits zwei Demonstrationen statt. Auch in Hamburg, Frankfurt, Berlin und Leipzig kam es zu Protesten. Die Demonstrierenden, darunter Giorgos’ Schwester, fordern Aufklärung. Der Fall beschäftigt auch die griechische Politik: Die linke Syriza und die Kommunistische Partei (KKE) forderten von Athen, Druck auf Berlin auszuüben. Der griechische Botschafter hat eine Klärung von NRW-Innenminister Reul (CDU) verlangt. Ob dieser der Aufforderung nachkommen wird, bleibt fraglich.   

Es gibt genug Untersuchen, die belegen, dass Polizeigewalt in Deutschland alltäglich ist und zugleich kaum geahndet wird. Die Gründe reichen vom engen Verhältnis zwischen Politik, Justiz und Polizei, über die gute Lobby letzterer bis hin zur Tatsache, dass Polizist:innen bestens dazu in der Lage sind, Beweise zu unterschlagen oder zu fälschen sowie Kläger:innen und Zeug:innen einzuschüchtern. Auch im Fall Giorgos verbreitet die Polizei längst ihre Version der Geschichte, wonach der Tote entweder alkoholisiert gewesen sei oder aber unter Drogen gestanden habe. Allerdings war der bisherige Alkoholtest negativ und die Behauptung, er habe Drogen genommen, stützt sich auf eine angebliche Aussage der Schwester, die dies aber bestreitet. Rückendeckung bekamen die Beamt:innen sowohl von der Staatsanwaltschaft als auch von Reul persönlich. Dieser erklärte bei einer gut 10-minütigen Anhörung am 11. November im Landtag, dass man diese „Tragödie“ nicht „breit treten“ solle. Er sprach außerdem den „traumatisierten“ Beamt:innen sein Mitgefühl aus. 

 „Wir kennen das alles“, kommentiert Araz Ardehali von der Wuppertaler Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und Migrant:innen. „Wir kennen die Fälle Adel B. und Amed Ahmad und wir wissen um die rassistischen Übergriffe der Essener Polizei, um nur in NRW zu bleiben.“ Allein in Wuppertal ist Giorgos nur das dritte mutmaßliche Todesopfer von Polizeigewalt in den letzten zwei Jahren: Im Dezember 2019 erschossen Beamt:innen einen 25-Jährigen, der mit einem Hammer Autos beschädigt und Passant:innen bedroht haben soll. Im Juni diesen Jahres drangen Polizist:innen in die Wohnung eines mutmaßlich psychisch Kranken ein und erschossen den 35-Jährigen mit einer Maschinenpistole, angeblich in Notwehr. In all diesen Fällen bekamen die verdächtigten Polizist:innen trotz gegenteiliger Beweise volle Rückendeckung von oben. Nicht bei allen Todesopfern von Polizeigewalt handelt es sich um von Rassismus betroffene Menschen, ihr Anteil ist aber auffällig hoch. Für Ardehali sind die Konsequenzen aus dieser Sachlage klar: „Sollen Migranten noch die Polizei rufen? Ich würde sagen Nein. Denn dann sind wir in Gefahr. Wenn wir wollen, dass wir und unsere Kinder sicher sind, dann müssen wir dieses System bekämpfen! Konkret heißt das, alles daran zu setzen, dass Herr Reul nicht mehr regiert und dass klare und deutliche Konsequenzen gezogen werden: Zerschlagung aller rassistischen Strukturen in den Behörden, volle visuelle Überwachung von Behörden und Polizei und Bereitstellung dieser Daten für die Familien der Opfer.“        

:Leon Wystrychowski