26. Tag der Lehre: Wie beeinflusst fehlende Anwesenheitspflicht die Arbeit in Seminaren?
Wie wir lernen wollen
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Beim Tag der Lehre diskutierten Studierende und Lehrende über Anwesenheitspflicht und neue Lehrkonzepte. Grafik: sowi.rub.de
Beim Tag der Lehre diskutierten Studierende und Lehrende über Anwesenheitspflicht und neue Lehrkonzepte.

Die Diskussion über allgemeine Fragen zur Lehre hat im GC-Gebäude Campus bereits Tradition: Zum 26. Mal fand dort am vergangenen Mittwoch der „Tag der Lehre“ statt, bei dem sowohl Studierende als auch DozentInnen gemeinsam über Lehrkonzepte diskutieren. Selten jedoch war das Thema so aktuell wie an jenem Mittwoch, als es um die Abschaffung der Anwesenheitspflicht ging – und die Frage : „Funktioniert das Lernen, ohne da zu sein?“

Die Anwesenheitspflicht für Lehrveranstaltungen wurde weitgehend abgeschafft – doch die entsprechende Passage im Hochschulzukunftsgesetz (HZG) wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Die Fakultät für Sozialwissenschaft nutzte die aktuelle Diskussion, um tiefergehend über das Konzept des „Lernens, ohne da zu sein“ zu reflektieren.

So wurde am 14. Januar einer der Räume zwischen den Gebäuden GB und GC zu einem „World-Café“ umgebaut, in dem Studierende und Lehrende gemeinsam darüber debattierten, wie die Abschaffung der Anwesenheitspflicht die Lernkultur an der Uni in Zukunft verändern wird. Um vor der Diskussion einen möglichen Ansatz aufzuzeigen, berichtete Prof. Britta Rehder zunächst von ihren Erfahrungen in einem anwesenheitspflichtfreien Seminar zum Thema Organisationssoziologie.

Sorgt fehlende Pflicht für mehr Motivation?

Obwohl – oder vielleicht gerade weil – seit diesem Semester dort niemand mehr zum Kommen gezwungen wird, sei eine deutliche Verbesserung der Lernatmosphäre zu beobachten – „denn die, die da sind, sind ja freiwillig da und deshalb besonders motiviert“, so Rehder. Dennoch habe sie sich nach der Abschaffung der Anwesenheitspflicht neue Lehrkonzepte überlegt, um ihre Studis bei der Stange zu halten. Durch mehr Praxisbezug sei ihr das gelungen – ­obwohl die TeilnehmerInnenzahl im Seminar von anfangs 24 auf mittlerweile 14 gesunken sei, so würden sich die verbliebenen TeilnehmerInnen zufrieden mit den neuen Lehrmethoden zeigen.

Auch Student Simon Gutleben kann die Beobachtungen seiner Professorin unterschreiben: „Man merkt echt, dass die Leute, die da sind, viel motivierter sind.“ Der „worst case“, wie Gutleben das völlige Fernbleiben von Studierenden in einer Veranstaltung umschreibt, sei „trotz aller Befürchtungen“ nicht eingetreten und im Großen und Ganzen seien die Studis immer noch sehr motiviert, an Veranstaltungen teilzunehmen, auch wenn ihnen keine Anwesenheitsliste mehr im Nacken sitzt.

Warum überhaupt anwesend sein?

So weit, so gut – dennoch zwingt die Abschaffung der Anwesenheitspflicht dazu, das Konzept von Lehrveranstaltungen gründlich zu überdenken. So wurde es in den Diskussionen an den „Cafétischen“ mit Fragestellungen wie „Warum gehen wir überhaupt in Seminare?“ dann schnell philosophisch. Hier wurden die TeilnehmerInnen dazu angeregt, ihre Motivation für das „Lernen durch Präsenz“ zu erforschen. „Ich gehe gerne in Seminare, weil man dort diskutieren und neue Denkanstöße bekommen kann“, war als Beweggrund oft zu hören – doch was, wenn spannende Diskussionen mit KommilitonInnen unter einem Berg von Referaten begraben werden? Die „Referatskultur“, so ein Dozent, die sich an den Unis etabliert hat, gelte es zu beseitigen, um dafür zu sorgen, dass Lehrinhalte auch wirklich bei denen ankommen, die sie aufnehmen wollen.

Studis sollen aktiver werden

Am besten, so kristallisierte sich ziemlich schnell heraus, gelingt dies nach Ansicht der TeilnehmerInnen, wenn Seminare zur Spielwiese für neue Lehrmethoden werden und die Studierenden im Lernprozess stärker gefordert sind, etwa, wenn sie eigenständig für ein Thema recherchieren sollen. Dadurch, so die These, die eine Diskussionsgruppe aufstellt, bleibe mehr hängen – und die am Ende einer Veranstaltung anstehende Klausur oder Hausarbeit werde auch weitaus weniger wichtig. So lautet das Fazit, das eine der Gruppen am Ende präsentierte: Der Lernprozess an sich ist viel wichtiger als das punktuelle Lernen am Ende, wenn man sich für die Klausur alles auf einmal reinkloppt. Deshalb sollte das Lernen selbst benotet werden.

:Birthe Kolb

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