Premiere von Strindbergs „Traumspiel“ im Rottstr5-Theater
Wie sieht ein glücklicher Mensch aus?
Foto: Michalak, r5theater
Den Blick gebannt auf die eine Tür: Premiere von Strindbergs „Traumspiel“ an der Rottstr5. Foto: Michalak, r5theater
Den Blick gebannt auf die eine Tür: Premiere von Strindbergs „Traumspiel“ an der Rottstr5.

Unglück im Paradies: Auf der Suche nach dem Weltenrätsel in August Strindbergs „Traumspiel“ an der Rottstraße und die Frage: Was verbirgt sich hinter der Tür? Eine Kooperation mit Studierenden der Folkwang-Universität der Künste, die mit der alten Frage nach Glück und Unglück der menschlichen Existenz den Zeitnerv trifft.

Immer dieser Blick. Gebannt schauen alle Darsteller in den leeren Raum. Eine Tür soll da sein. Was verbirgt sich dahinter? Oder nimmt man diese Frage doch nicht so ernst? Es geht schließlich um das Weltenrätsel. Trotzdem scheint es, ein fröhliches, munteres Stampfen auf der Bühne zu sein: „Hey, hey...ratatata...ratatata. Tanzen, tanzen, tanzen! Ratatatata.“ Aber Indra, die Tochter einer Göttin, die in Strindbergs „Traumspiel“ auf die Erde hinab steigt, hat diese Menschen schnell durchschaut: „Das klingt nicht fröhlich.“ Im Spätwerk Strindbergs durchforscht sie in traumhaften Sequenzen die menschliche Existenz: Die Möglichkeiten, Glück, Leid. Das gerät hektisch und zerfahren – Laura N. Junghans’ Inszenierung lässt eine fast clowneske bis absurde Spaßguerilla auf der Bühne wüten, um ironisch und krachend damit zu spielen, was mit so existentiellem Aufwand kaschiert wird: Das Unglück in der menschlichen Existenz. Die Premiere an der kleinen Off-Bühne entstand im Rahmen einer Kooperation der Rottstr5, bei der Studierende der Schauspielregie der Folkwang-Uni der Künste ihr Regie-Debüt unter professionellen Rahmenbedingungen geben können. Neben bekannten Gesichtern an der Rottstr5 wie Denise Rech („Nero“) konnte Junghans auch NachwuchsdarstellerInnen dirigieren. Und das überzeugend: Man hüpft, man singt, ein kindisches Treiben als waghalsiges Unterfangen, die Tragik zu überlärmen.

Was bei Strindberg auch eine existenzphilosophische, metaphysische Anstrengung, die Frage nach dem Sinn des Lebens, ist, kommt in Junghans Inszenierung erfreulicherweise nicht ohne Gesellschaftskritik aus – sogar das Proletariat hat seinen stiefmütterlichen Auftritt, um sich über ihre Lage zu beschweren: „Könnte man nicht, ohne der Wahrheit zu nahe zu rücken zu wollen, behaupten, das ist ungerecht?“ Die Binsenweisheiten werden spielerisch durch dekliniert: Ungerechtigkeit, Unglück, Kapitalismus.

„Das Glück bricht zusammen“

Strindbergs kammerspielartiges Stationendrama wird an der Rottstraße in wilde und jugendliche Postdramatik übersetzt. Zelebriert wird auf der Bühne das Kartenhaus Glück oder das Unglück im Paradies, wie sich später herausstellt: „Das ist nicht das Paradies. Das ist die Hölle. Gibt es denn keinen glücklichen Menschen im Paradies?“ Das Glück wird inszeniert – das trifft den Nerv der Zeit; die DarstellerInnen stellen sich zum Ablichten auf: „Cheeeese“. Ein Foto als vergegenständlichte (Selbst)lüge. „Die Menschen sind zu bedauern“, seufzt Indra. Doch noch jagen sie der Wahrheit hinterher, blicken zur Tür - die ist dann schließlich endlich geöffnet: „was verbirgt sich dahinter?“ - „Nichts!“.

Strindbergs „Traumspiel“ als aufgefrischte, subtile Gesellschaftskritik : Glück gibt es im Angebot nur als Mogelpackung, als Zwang zur Selbstoptimierung: Lachen, Liebe, Freude – alles auf Befehl.  „So sieht ein glücklicher Mensch aus“, wird gesagt. „Hey, hey...ratatata...ratatata. Tanzen, tanzen, tanzen! Ratatatata.“

:Benjamin Trilling