20. Jahrestag des Völkermords in Ruanda
Wie aus Menschen Mörder wurden
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Mahnmal des Todes: Die Knochen der Opfer des Völkermords sind in verschiedenen Gedenkstätten Ruandas aufgebahrt. Foto: flickr. com, DFID (CC BY-NC-ND v2.0)
Mahnmal des Todes: Die Knochen der Opfer des Völkermords sind in verschiedenen Gedenkstätten Ruandas aufgebahrt.

Als zwischen April und Juni 1994 innerhalb von 100 Tagen über 800.000 der sozialen Gruppe der Tutsi (Viehzüchter) und gemäßigte Hutu (Ackerbauer) von radikalen Hutu getötet, mit Macheten abgeschlachtet und hingerichtet wurden, wollte es am anderen Ende der Welt niemand wahrhaben. Weder die Europäische Union und die USA, noch die Vereinten Nationen (UN) als die ‚Friedensinstitution‘ der Welt sahen sich in der Pflicht, einzugreifen und den Massenmord zu stoppen. Stattdessen verschärfte sie den Konflikt durch eine fragwürdige Militäraktion.

Der Abschuss des Flugzeugs, in dem sich der damals amtierende ruandische Präsident Juvénal Habyarimana, ein Hutu, und sein Kollege aus Burundi, Cyprien Ntaryamira, befanden, gilt in der Nachbetrachtung als der Auslöser eines Völkermords, wie ihn die Welt seit dem Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr erlebt hatte. Am 6. April 1994, kurz vor der Landung in der ruandischen Hauptstadt Kigali, wurde die Maschine mit zwei Raketen abgeschossen, wobei alle Insassen ums Leben kamen. Zuvor führte der ruandische Präsident Friedensgespräche mit der von Tutsi geführten Front Patriotique Rwandais (FPR). Die These, dass der Abschuss auf das Konto der FPR ging, wurde später durch Untersuchungen widerlegt. Stattdessen waren Gegner aus dem eigenen Lager unzufrieden mit dem 1993 vereinbarten Friedensvertrag mit der FPR und wollten Rache. Was daraufhin folgte, waren 100 Tage des Mordens an der Bevölkerungsminderheit der Tutsi. Wie konnten sich so viel Hass und Aggressionen aufladen und eine komplette Bevölkerungsgruppe zerstört werden?

Land zwischen Kolonialisierung und Hungersnot

Die jüngere Geschichte Ruandas spielt dabei ein wichtige Rolle. So war Ruanda zwischen 1884 und 1916 deutsche Kolonie. Mit Ende des Ersten Weltkriegs wurde das Land an Belgien abgetreten und auch die UNO bestätigte Belgien 1946 als Mandatsträger. Beide Parteien bevorzugten Tutsi und das Königtum als Regierungsform, was eine erhebliche Konfliktverschärfung zur Folge hatte. Zum Verständnis: Tutsi und Hutu stellen keine unterschiedlichen ethnischen Gruppen dar, sondern es handelt sich hierbei um soziale Gruppen, die sich in Reichtum, Bildung und Macht unterscheiden. Die elitären Tutsi waren von der Zahl her seit jeher klar in der Minderheit, verfügten aber über einen höheren Bildungsgrad und nutzten diesen in der Folge bei der Regierungsführung gegenüber den Hutu aus. Bis zur Hutu-Revolution 1959 dauerte dies an, infolge der Emanzipations-Bewegung der Hutu verloren die elitären Tutsi dann aber jegliche Regierungsämter und waren von diesem Zeitpunkt an die diskriminierte Bevölkerungsgruppe. Nach der Unabhängigkeit 1962 regierte der Anführer der Emanzipationsbewegung, Grégoire Kayibana, als Staatspräsident autokratisch das Land. Stabilität sollte dadurch in den kommenden 30 Jahren nicht entstehen, die von vielen weiteren Konflikten geprägt waren und 1990 in einem Guerilla-Krieg endeten. Ein autokratisches Regime, Jugendkriminalität, Flüchtlingsströme und nicht zuletzt eine große Hungersnot entluden im April 1994 dann diese unglaubliche Gewalt, die am Ende über 800.000 Menschen das Leben kosteten sollte.

Ohne Youtube, Facebook, Twitter, dafür aber Hate-Radio

„Alle, die ihr uns zuhört, erhebt euch, sodass wir alle für unser Ruanda kämpfen können. Wir müssen den Tutsi ein Ende bereiten, sie auslöschen, aus dem Land herausfegen“, hetzte ein Moderator des staatlichen „Radio-Télévision Libre des Mille Collines“ (RTLM).

Ohne Internet und soziale Medien, stattdessen mit der RTLM-Propaganda schafften es die radikalen Hutu, Stimmung gegen die Tutsi zu machen. Durch autoritäre Berichterstattung vermittelten die Moderatoren ihrem Publikum eine Anti-Stimmung gegen die Tutsi. Diese Aggressionen entluden sich dann auf den Straßen des Landes und führten zu dem unglaublichen Vorgehen der Menschen.

Wo waren Europa, die USA und die UNO?

Trotz Appellen des damaligen kanadischen UN-Leiters Roméo Dallaire im Januar 1994, man solle doch mehr Soldaten unter UN-Mandatschaft nach Ruanda schicken, wurden zunächst UN-Truppen mit Beginn des Konfliktes reduziert und somit der Konflikt verschärft. Auch wenn der direkte Einfluss des Mandatsträgers Frankreich bis heute nicht geklärt werden kann, steht sicher fest, dass Frankreich das Habyarimana-Regime bis zum Ende des Konflikts militärisch in Form von Soldaten, Waffenlieferungen und Ausbildung unterstützt hat. Alle anderen AkteurInnen (Europa,USA,UN) tragen eine Mitschuld, da sie die ganzen Spannungen in Ruanda zum damaligen Zeitpunkt unterschätzt hatten.

Gedenkfeier ohne Frankreich

Heute ist Ruanda wirtschaftlich erfolgreich und gehört zu den aufstrebenden Nationen des afrikanischen Kontinents. Die Gedenkfeier zum 20. Jahrestag fand jedoch ohne französische Beteiligung statt, nachdem der jetzige ruandische Präsident Paul Kagame in einem Zeitungsinterview Frankreich eine aktive Mitschuld am Genozid unterstellt hatte. Die diplomatischen Beziehungen beider Länder stehen seit Jahren unter Spannung, da das Handeln Frankreichs unmittelbar vor Ausbruch des Konflikts 1994 möglicherweise dazu geführt hat, dass das brutale Morden überhaupt erst ermöglicht wurde. Damals waren französische UN-Soldaten an der „Opération Turquoise“ beteiligten und sollten im Westen des Landes eine Sicherheitszone errichten, was aber dazu führte, dass die Verantwortlichen des Völkermordes ungehindert in andere Regionen des Landes ziehen konnten. Ob französische Soldaten direkt als Komplizen in diesem Konflikt auftraten, konnte bis heute nicht geklärt werden. Viele Fragen bleiben aber weiterhin offen, da sich die französischen PolitikerInnen in all den Jahren, anders als in Belgien, gegen eine parlamentarische Aufarbeitung des Falls gewehrt haben. So zeigen die Aussagen Kagames und die Absage Frankreichs für die Gedenkfeier, wie es um die heutigen diplomatischen Beziehungen beider Länder steht.