Rechtsterror
Wer hat Angst vorm weißen Mann?
Bild: bena
Symbolbild

Medienanalyse. NSU, Christchurch, Halle, Hanau, der Sturm aufs Washingtoner Kapitol, George Floyd, das Massaker in Norwegen oder zuletzt der gezielte Anschlag auf ostasiatisch gelesene Menschen. Ist der weiße rechte Mann eine unterschätzte Gefahr? Und wie wird über sie berichtet? 

Worte haben Gewicht, doch wie es scheint nicht für alle! Während man bei Mordanschlägen auf Menschen mit internationaler Geschichte schaut, schrieben die Gazetten und Tagesblätter bei den NSU-Morden von „Döner-Mörder“. Unmöglich, dass ein weißer Mensch die Intention hat, eine Hasstat zu begehen. Vor allem beim NSU sind die Medien unkritisch den polizeilichen Mutmaßungen gefolgt. Mehr noch, sie reproduzierten die Spekulationen mit einfacher Rhetorik und nährten die Annahmen der Kriminalisierung der Opfer des NSUs. Eine Studie des Mediendienst Integration zeigte auf, dass sich die Berichterstattung vor allem in Deutschland nach der „Silvesternacht“ in Köln für Menschen, insbesondere
Männer mit internationaler Geschichte geändert hat. Auch wenn 2019 die Erwähnung der Herkunft zum Vergleich von 2017 abnahm, kamen immer noch 14 ausländische mutmaßliche Täter:innen auf einen Deutschen. Warum sind diese Zahlen wichtig? Beim Attentat in Atlanta, wo gezielt asiatische Frauen ermordet wurden, sprach der Polizeisprecher von einem schlechten Tag des Täters. NBC News empfahl Schwarzen Menschen, wie sie nun Allies (stützende Hilfe) für die amerikanisch-asiatische-Community sein könnten. Das Sprechen über die Rolle der White Supremacy steht am Ende des Textes. Die Medien und die Wissenschaft haben uns den „White Gaze“ (den weißen Blick) anerzogen und eine gewisse Norm geschaffen. Mehr noch im Falle des gezielt an asiatischen Menschen – genauer Frauen – begangenen Anschlag in den USA.
In der Ära Trump und mit dem Coronavirus hatten sich die Angriffe auf südostasiatisch gelesene von mehrheitlich weißen Personen um 150 Prozent erhöht. In fast jeder Pressekonferenz sprach der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika aktiv antiasiatische Rassismen an. Diese wurden weltweit reproduziert bis hin nach Deutschland, wo als Antwort das Netzwerk #ichbinkeinVirus gegründet wurde, um auf Beleidigungen und Angriffe auf asiatisch gelesene Menschen aufmerksam zu machen. 

:Abena Appiah

Die Kette rechter und rassistischer Terroranschläge reißt nicht ab. Ein Überblick:

Halle, Hanau, Christchurch. Die Jahrestage reißen nicht ab — im Gegenteil, es werden immer mehr. Und obwohl jede:r Tote:r eine Tragödie mehr bedeutet, verliert man mittlerweile den Überblick bei so viel Gewalt und Rassismus. Die folgende Übersicht ist nicht vollständig, allein in den USA gehören rassistische und rechtsradikale Morde zum Alltag, wie auch in Deutschland Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, Moscheen und Synagogen sowie rassistische Übergriffe auf Menschen. 

22. Juli 2011: Anders Breivik verübt in der norwegischen Hauptstadt Oslo einen Bombenanschlag, bei dem acht Menschen sterben. Kurz darauf begeht er auf der Insel Utøya ein Massaker mit 69 Opfern in einem Jugendcamp der Arbeiterpartei. In seinem Manifest sagt er Islam und „Kulturmarxismus“ den Kampf an.

4. November 2011: Nach dem Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wird bekannt, dass in Deutschland seit dem Jahr 2000 ein Neonazi-Terrornetzwerk aktiv ist, das mindestens zehn Menschen gezielt ermordet und zahlreiche Bombenanschläge verübt hat.

13. Dezember 2011: In Florenz erschießt der faschistische Autor Gianluca Casseri zwei Männer aus dem Senegal und verletzt drei weitere.

10. Februar 2015: In Chapel Hill (North Carolina) werden die drei Studierenden Shaddy Barakat (23), Yusor Mohammad Abu-Salha (21) und Razan Mohammad Abu-Salha (19) aus islamfeindlichen Motiven gezielt erschossen.

17. Juni 2015: In Charleston (South Carolina) erschießt ein 21-Jähriger gezielt neun Schwarze in der African Methodist Episcopal Church.

11. August 2017: Während eines Ku-Klux-Klan- und Neonazi-Aufmarsches fährt ein Rechtsradikaler seinen Wagen in eine Gegenkundgebung und tötet die Demonstrantin Heather Heyer (32).

27. Oktober 2018: In Pittsburgh (Pennsylvania) betritt ein Rechtsradikaler eine Synagoge und erschießt 11 Menschen.

15. März 2019: Im neuseeländischen Christchurch richtet ein Rechtsradikaler zwei Massaker in zwei Moscheen an. Er tötet 51 Menschen und verletzt 50 weitere. In seinem Manifest bezieht er sich auf Anders Breivik.

27. April 2019: In Poway (Kalifornien) betritt ein Rechtsradikaler eine Synagoge, um die rund 100 Anwesenden mit einer halbautomatischen Schusswaffe zu töten. Nur wegen eines Defekts der Waffe gelingt es ihm lediglich, eine Frau zu ermorden und drei Menschen zu verletzen.

1. Juni 2019: Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübke (CDU) wird von einem Neonazi gezielt erschossen.

3. August 2019: In El Paso (Texas) erschießt ein Rechtsradikaler vor und in einem Walmart 23 Menschen.

9. Oktober 2019: In Halle versucht ein Rechtsradikaler, am Jom Kippur in die Synagoge einzudringen und die dort feiernden Menschen zu ermorden. Dabei erschießt er eine Zeugin. Als es ihm nicht gelingt, die Tür des Gotteshauses aufzusprengen, begibt er sich zu einem türkischen Imbiss, wirft Sprengsätze und erschießt einen weiteren Menschen. 

19. Februar 2020: In Hanau erschießt ein Rechtsradikaler gezielt neun Menschen mit Migrationshintergrund in einer Shisha-Bar, an einem Kiosk und vor einer Bar. Danach ermordete er seine Mutter und erschoss sich selbst. Auch er hinterließ ein verschwörungstheoretisches, islamfeindliches und antisemitisches Pamphlet.

17. März 2021: In Atlanta (Georgia) erschießt ein Mann in zwei Wellnesseinrichtungen acht Menschen, darunter sechs Frauen mit ostasiatischen Wurzeln. 

:Leon Wystrychowski

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