Immer auf Trab: Wie sich chronischer Stress auf unseren Organismus auswirkt
Wenn sich der Körper selbst schadet
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Der Tanz der Stresshormone: In der Klausurenphase feiern die Cortisol-Moleküle die größten und längsten Partys. - Foto: mb
Der Tanz der Stresshormone: In der Klausurenphase feiern die Cortisol-Moleküle die größten und längsten Partys.

Raus aus den Federn, rein in die Bib. Mit möglichst viel Stoff im Kopf wieder raus, auf zur Arbeit. Abends nach Hause, noch ein paar Brocken lernen – verdammt, das Referat und die Hausarbeit müssen ja auch noch fertig werden! Wie sich Stress anfühlt, wisst Ihr alle. Doch welche gravierenden Folgen er für Körper und Geist haben kann, ahnen die wenigsten.

Die Klausurenphase ist der Inbegriff des mittlerweile fast zum Unwort verkommenen Begriffes „Stress“ – jedenfalls sofern man auch in dieser Zeit nicht auf ein Leben außerhalb der Uni verzichten möchte. Obwohl es sich mittendrin meist gegenteilig anfühlt, ist der Spuk nach ein paar Wochen vorbei und wir sind nicht nur wieder frei, sondern können unserem Körper und Geist die nötige Erholung gönnen. Fehlt die Regeneration jedoch, führt das vor allem langfristig zu ernsten Konsequenzen.

Einst sinnvoll, heute gesundheitsschädlich

Aus evolutionärer Perspektive betrachtet ist die Stressreaktion des Körpers mehr als gesund – sie sicherte einst das Überleben unserer VorfahrInnen. „Fight or flight“ lautete das Motto, wenn einem der tierische oder menschliche Feind gegenüberstand. Dazu mussten Energiereserven mobilisiert, die Sinne geschärft und die für den Moment überflüssigen Körperfunktionen erst einmal heruntergefahren werden. Nichts anderes passiert auch noch heute, wenn das Warnsystem anspringt: Das Gehirn versetzt den Körper in Alarmbereitschaft, indem es zum einen über das Rückenmark blitzschnell Adre­­­­­nalin ausschütten lässt und zum anderen über eine etwas trägere Hormonkaskade die sogenannten Glucocorticoide in den Blutkreislauf bringt.

Cortisol – das böse Hormon?

Der hierbei zentrale und vermutlich auch bekannteste Botenstoff ist das Cortisol. Es wird häufig mit den negativen Auswirkungen von chronischer Belastung in Zusammenhang gebracht, doch rein biologisch gesehen erfüllt das Hormon wichtige Funktionen: Es wirkt entzündungshemmend und aktiviert den Metabolismus, um dem Körper energiereiche Stoffe zur Verfügung zu stellen – genau das, was in einer Stresssituation gebraucht wird. Zum Gesundheitsrisiko wird dieser eigentlich sinnvolle Mechanismus erst, wenn die Reaktion langfristig aufrechterhalten bleibt und sich der Körper nicht erholen kann.

Wenn das System kippt

Normalerweise reguliert das Gehirn optimal vorausschauend das innere Gleichgewicht des Hormon-, Immun- sowie Stoffwechselsystems. Dieser gesunde Zustand der Homöostase jedoch ist leider nicht unzerstörbar und kann durch lang anhaltende Umwelteinflüsse gestört werden – etwa durch einen stets zu vollen Terminkalender, psychische Belastung oder einen generell ungesunden Lebensstil. Zu den allgemein bekannten Langzeitfolgen zählen Depression, Burnout, Herzinfarkt und Übergewicht.

Doch auch auf neuronaler Ebene passiert bei chronischem Stress einiges: Die Anatomie von Nervenzellen in bestimmten Regionen verändert sich. Langfristig geht damit einher, dass sich das Gedächtnis verschlechtert und sich die Stressempfindlichkeit noch weiter erhöht. Bei schwangeren Frauen mit hohem Cortisolspiegel beobachteten ForscherInnen sogar, dass ihr Kind später generell anfälliger für Belastungen ist und mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Depression entwickelt.

Mehr Selbstschutz!

Was können wir also in der heutigen schnelllebigen Zeit dafür tun, dass unser Gehirn sich selbst und dem Körper die Chance zur Erholung gibt? Die Formel ist genauso simpel wie häufig schwer umsetzbar: Sich selbst genug Gelegenheit zur Regeneration geben. Denn nicht alles, was scheinbar getan werden muss, ist unverzichtbar. Prioritäten setzen und auch mal auf das Feedback unseres Organismus hören hilft – denn meistens warnt uns das System vor dem ultimativen Crash. Wir haben jedoch nur zu gut gelernt, es zu ignorieren.

:Melinda Baranyai