Kommentar: Kontroverse um Peter Singer überschattete die phil.COLOGNE
Wenn Proteste den Diskurs verhindern
Bildquelle: Joel Travis Sage (CC BY 3.0)
Peter Singer: Einer der umstrittensten Philosophen unserer Zeit. Bildquelle: Joel Travis Sage (CC BY 3.0)
Peter Singer: Einer der umstrittensten Philosophen unserer Zeit.

Die PhilosophInnen und Interessierten trafen sich in Köln acht Tage lang bei der phil.COLOGNE. Das renommierte internationale Festival diente dazu, philosophische Themen für den öffentlichen Diskurs zu erschließen. Ursprünglich sollte dort auch der bedeutende und hoch umstrittene Ethiker Peter Singer sprechen. Doch wurde Singer aus Angst vor Protesten leider kurzfristig ausgeladen.

Der australische Philosoph hätte bei der Veranstaltung „Retten Veganer die Welt?“ auftreten sollen. Seit seinem 1975 erschienenen Buch „Die Befreiung der Tiere“ gehört Singer zu den wichtigsten VordenkerInnen der Tierethik und Tierrechtsbewegung. Er kritisiert grundlegend den vorherrschenden Speziesismus – also dass die Interessen von Tieren geringer geschätzt werden als diejenigen von Menschen, nur weil sie zu einer anderen Spezies gehören. Dabei bleibt Singer in einem moderaten Rahmen: Er richtet sich vor allem gegen Massentierhaltung und unsinnige Tierversuche, vertritt die vegetarische Ernährung und fordert Menschenrechte für Menschenaffen.

Während seine Tierethik positiv aufgenommen wurde, wird Singer wegen seiner Positionen in Bezug auf Menschen seit dem Erscheinen von „Praktische Ethik“ 1979 kontrovers diskutiert. Der Antispeziesist Singer spricht Menschenaffen mit entwickeltem geistigen Selbstbewusstsein (welches für Singer über bloßes Bewusstsein hinausgeht) ein Recht auf Leben zu – doch negiert er das Lebensrecht zugleich bei Menschen ohne jenes Selbstbewusstsein.

Das bedeutet konkret, dass ungeborene und neugeborene Kinder nach Singers Auffassung generell noch kein Lebensrecht besitzen. Dementsprechend plädiert er für die völlige Abkehr vom Embryonenschutz, für ein freies Abtreibungsrecht ohne Fristenregelung und (mit Einschränkungen) für die Legalität der Tötung Neugeborener auf Wunsch der Eltern. Eine schwere Behinderung des Kindes sieht Singer dabei ausdrücklich als legitimen Beweggrund an.

Diese Standpunkte Singers haben besonders in Deutschland – vor dem Hintergrund der NS-Verbrechen an Menschen mit Behinderungen – wiederholt heftige Reaktionen ausgelöst. Meiner Meinung nach wäre gerade auf der phil.COLOGNE ein idealer Raum gewesen, die Kontroverse um Singer im Dialog mit ihm sachlich und offen zu diskutieren. Stattdessen knickte das Festival jedoch wegen befürchteter Störaktionen ein. Eine herbe Niederlage für Streitkultur und Meinungsfreiheit.

:Gastautor Patrick Henkelmann

 

Autor(in):