Ende Gelände blockiert wieder
Wenn das Rheinische Braunkohlerevier mit Klimaaktivist:innen wuselt
Bild:stem
Erfolgreiche Blockade: Die Gruppe Chili Rot hat es für mehrere Stunden auf eine Erdgaspipeline geschafft.

Klimagerechtigkeit. Erneut fanden sich am vergangenen Wochenende tausende Klimaaktivist:innen im Braunkohlerevier in der Nähe von Aachen zusammen. Die Bewegung, die seit 2015 Kohleinfrastruktur blockiert, stand dieses Jahr vor neuen Herausforderungen und Zielen. 

Im triefenden Regen steht am Samstagabend eine Ansammlung von rund 150 Menschen im Halbkreis um eine Zeltabdeckung, die als Projektionsfläche benutzt wird. Sie schauen sich Bilder, Presseartikel und Videos von einem Aktionstag an, den die Bewegung als erfolgreich verbucht. Die Aktivist:innen von den Gruppen Chili Rot und Magenta kamen gerade von einer mehrstündigen Blockade einer sich noch im Bau befindlichen Gaspipeline. Nun sehen sie, wie es den fünfzehn weiteren Gruppen erging, die sich an diesem Wochenende im rheinischen Braunkohlerevier verteilten und Förderbänder, leerstehende Gasthäuser und Kohlebunker blockierten sowie im Tagebaugebiet protestierten. Es ging den rund 3.000 Aktivist:innen um den sofortigen Ausstieg aus der Energiegewinnung durch fossile Energie, anstatt den von der Bundesregierung für 2038 angepeilten Ausstieg. Anders als in den vergangenen Jahren hat Ende Gelände diesmal jedoch nicht nur Kohle-, sondern auch Gasinfrastruktur blockiert.  

Großangelegte aktivistische Aktionen wie Ende Gelände gestalten sich während der Corona-Pandemie als besonders schwierig. Das beginnt bereits bei der anfänglichen Zusammenkunft in den Camps: Während sich im vergangenen Jahr rund 5.000 Menschen in einem zentralen Camp befanden, mussten dieses Jahr viele kleine Camps organisiert werden. Zehn solcher Camps, die jeweils etwa 300 Aktivist:innen beherbergten, verteilten sich im Rheinland. Diese Organisationsstruktur wirkt sich natürlich auch auf die Aktionsstrategie aus. Denn während die Aktivist:innen in der Vergangenheit auf den Schutz der Massen zurückgriffen, um Kohleinfrastruktur erfolgreich zu besetzen und beispielsweise Polizeisperren zu durchbrechen, gestaltete sich dies nun deutlich schwieriger. „Es ist einfacher, sich als Masse zu behaupten“ anstatt als kleine Gruppe, so ein Aktivist, der bereits zum dritten Mal an einer Aktion teilnahm. Auf dem Camp der Gruppen Chili Rot und Magenta herrschte in den Tagen vor der Aktion Unsicherheit, ob die kleineren Gruppen ein härteres Eingreifen der Polizei mit sich ziehen würde, oder ob die dezentrale Organisationsform die Polizeikräfte an vielen Orten bindet und damit einzelne Gruppen ein leichteres Spiel hätten.  

Hinzu kommen die vielen Anpassungen, wie das Tracking mittels individueller Corona-IDs, das Dokumentieren von Begegnungen oder die Kontrolle von Mindestabstandsregelungen, die direkt in den Camps umgesetzt werden müssen und einen erheblichen Verwaltungsaufwand für die ehrenamtlichen Organisations-Teams bedeuten. Die Hygienekonzepte waren mit Gesundheits-, Ordnungsämtern sowie der Polizei und Feuerwehr abgestimmt. Dahinter steckt ein enormer organisatorischer Aufwand, der nicht nur Zeit und Mühe, sondern auch Geld kostet: denn anstatt einer zentralen, konzentrierten Logistik, die sich um Essensverpflegung, sanitäre Einrichtungen, Müllentsorgung und weiteres kümmert, muss jedes Camp eine eigene Versorgung betreuen. Dasselbe gilt für rechtliche Belehrungen, Workshops, Awareness-Angebote und eine funktionierende Technik. 

Aus der Distanz könnte man meinen, die Organisation von Ende Gelände ähnele dem Militär. Denn nicht nur befindet sich hinter der Aktion eine penible Planung, auch Organisationsstrukturen sind nicht ganz unterschiedlich. So besteht beispielsweise eine gemeinsam agierende Gruppe, ein sogenannter „Finger“, aus mehreren kleineren Teams von bis zu neun Personen, Bezugsgruppen genannt. Die Camps funktionieren als Operationsbasen für spätere Aktionen. Aufgaben sind klar verteilt, es gibt Übungen, Formationen und Handzeichen. Wissen über Ziele und Strategien ist hierarchisch verteilt, um sich getreu dem Motto „Keine Namen, keine Strukturen“ vor Polizeirepression und Überwachung zu schützen. Ende Gelände kämpft jedoch natürlich nicht mit Waffen, sondern mit zivilem Ungehorsam. Das Ziel der Bewegung ist, Infrastruktur von fossiler Energie zu besetzen, von Gewalt distanzieren sich die Aktivist:innen explizit und entwickeln aktiv Strategien, wie auch ohne Gewaltanwendung Widerstände überwunden werden können. Sollte es zu Konfrontationen mit Beamt:innen, wie zum Beispiel Polizeiblockaden, die durchbrochen werden wollen, kommen, greifen die Aktivist:innen auf Manöver zurück mit denen sie zwischen Lücken „durchfließen“ können, anstatt die Einsatzkräfte mit reiner Kraft zu überrumpeln. Auch wird davon abgeraten, in nervösen Situationen bei engem Kontakt mit Polizist:innen zu rennen, um eine Eskalation zu vermeiden. So wurde beispielsweise bei einer Megaphon-Durchsage im Camp der Finger Chili Rot und Magenta betont: „Die Polizei ist nicht unser Feind. Wir wollen uns nicht mit der Polizei anlegen, sondern Kohleinfrastruktur blockieren!“ 

Entscheidungen werden in Gruppen getroffen und jede Person ist in der Lage, sich jederzeit aus den Aktionen herauszunehmen, wenn sie beispielsweise Bedenken über die eigene Sicherheit hat. Auch Gemütslagen, Befürchtungen und Ängste werden regelmäßig besprochen. Jederzeit gibt es auch Ansprechpunkte zur Verarbeitung von Extremsituationen. Rücksicht und solidarische Verhaltensweisen sind ein zentraler Bestandteil der Klimagerechtigkeitsbewegung. Denn Aktivismus bedeutet auch, sich bewusst in Gefahrensituationen zu begeben, Polizeigewalt zu erleben, bei Festnahmen zur Feststellung der Identität teilweise über Tage in Polizeigewahrsam zu stecken und gegebenenfalls auch rechtliche Konsequenzen davon zu tragen. So erging es auch an diesem Wochenende einigen Gruppen, die teils gewaltsam von der Polizei konfrontiert wurden. Bei mehreren Gruppen wurden Polizeihunde, Reiterstaffeln, Schlagstöcke, Pfefferspray und Schmerzgriffe angewendet. Insbesondere eine Gruppe, die aus migrantischen und Schwarzen Menschen sowie People of Color bestand, erlebte ein gewaltsames Vorgehen. Auch kritisiert Ende Gelände die unbegründete Ablehnung der Genehmigung von Versammlungen, rechtswidrige Körperdurchsuchungen, die Verweigerung von Rechtsbeistand sowie weitere Einschüchterungstaktiken, die an diesem Wochenende stattfanden. 
     

Bilder und Text  :Stefan Moll 

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