Deutschland importiert Steinkohle aus den USA
Wenn Bergkuppen enthauptet werden
Foto: Kate Wellington, CC BY 2.0
Angerichtet durch das „Mountaintop Removal“-Verfahren: Der Kayford Mountain oder besser, was von ihm übrig geblieben ist nach insgesamt 500 Bergkuppensprengungen. Foto: Kate Wellington (CC BY 2.0)
Angerichtet durch das „Mountaintop Removal“-Verfahren: Der Kayford Mountain oder besser, was von ihm übrig geblieben ist nach insgesamt 500 Bergkuppensprengungen.

Die schleppende Energiewende und der Ausstieg aus der Atomindustrie macht Deutschland immer mehr abhängig von einem doch scheinbar aus der Mode gekommenen Brennstoff, der Steinkohle. Und dieser stammt längst aus Übersee: Die USA (10,5 Mio Tonnen/Jahr), Russland (10) und Kolumbien (8) füttern die hungrige deutsche Wirtschaft mit dem fossilen  Brennstoff, der unter sehr zweifelhaften Bedingungen gewonnen wird.

Bis Ende der 1950er Jahre musste sich Deutschland noch keine Gedanken darüber machen, aus welchem anderen Land der Welt man Kohle importieren müsste und wie der Abbau in diesen Gebieten vonstatten geht. Der Bergbau fütterte Industrie und Haushalte mit Strom und war Teil des Wirtschaftswunders.  Knapp 60 Jahre später hat sich die Situation komplett gewandelt. Die staatlichen Subventionen für Steinkohle laufen 2018 aus und mit ihnen wohl auch die letzten Zechen dieses Landes. Doch für die Stromerzeugung wird aktuell Steinkohle mehr denn je benötigt, paradoxerweise wirft uns die Energiewende zurück in alte Zeiten: Durch Überkapazitäten bei der Ökostromproduktion und den teuren und deshalb wenig rentablen Gaskraftwerken greift die Wirtschaft auf günstig importierte Steinkohle aus den USA zurück: mit Folgen für unsere Umwelt, aber auch für die Menschen in den USA selbst.

Was ist an amerikanischer Steinkohle so verwerflich?

Fährt man durch die Berglandschaften West Virginias, vermutet man auf den ersten Blick nicht, dass hier Steinkohleabbau im großen Stil betrieben wird, doch diese Region in den USA ist genau das, was das Ruhrgebiet für Deutschland war: Das Mekka des amerikanischen Bergbaus. Zwar ist auch hier die Blütezeit vorbei, doch um amerikanische Kohle im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig zu machen, wird seit den 1970er Jahren das „Mountaintop Removal-Verfahren“ angewendet, eine Prozedur, die wenige ArbeiterInnen benötigt und zugleich den maximalen Ertrag an Kohleabbau garantiert. Durch den massiven Einsatz von Dynamit werden komplette Bergkuppen des Keyford Mountains weggesprengt und der Berg wird maschinell von oben ausgehöhlt – ein sehr kostengünstiges,  ertragreiches und zugleich höchst umweltschädigendes Verfahren. Die Berge werden enthauptet. Billigere Kohle bekommt man nicht.

Beschützer der Berge: Keeper of the Mountains

Eine kleine Stadt rebelliert und lässt sich von den Minenbetreibern weder einschüchtern noch vertreiben: Die BewohnerInnen von Stanley Heirs, die sich selbst die „Keeper of the  Mountains“ nennen, kämpfen. Elise Keaton unterstreicht die Wichtigkeit der Arbeit ihrer Organisation: „Die Minenbetreiber haben für das komplette Gebiet die Erlaubnis, Kohle zu fördern. Wenn sich nichts ändert, wird das gesamte Gebiet wie eine Mondlandschaft aussehen. Deswegen ist unsere Arbeit so wichtig!“ Die Appalachen sind eines der ältesten Gebirge der Welt und werden aufgrund der Artenvielfalt als die „Arche Noah“ Nordamerikas bezeichnet. Durch das „Mountaintop Removal“-Verfahren werden nicht nur Menschen bedroht, die keinen Zugang zu sauberem Wasser bekommen, sondern auch die komplette Flora und Fauna ist in Gefahr.

Die großen deutschen Energieunternehmen lassen bisherige Berichte über die Bedingungen in West Virginia kalt. 500 Bergkuppen sind schon weg. Weitere werden folgen, mit verheerenden Auswirkungen für die  BewohnerInnen. Nicht umsonst herrscht hier eine der geringsten Lebenserwartungen in den USA. Zeit, dass sich das ändert.

:Tim Schwermer