Rollenspiel „ULTIMA RATIO“: Dystopisches SciFi-Setting mit schlankem Regelsystem
Weltraum unter weiblicher Aufsicht
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Nikolas Tsamourtzis und Caroline Misanovic aus dem Entwicklungsteam des dystopischen SciFi-Rollenspiels "Ultima Ratio". Foto: joop
Nikolas Tsamourtzis und Caroline Misanovic aus dem Entwicklungsteam des dystopischen SciFi-Rollenspiels "Ultima Ratio".

In einem fernen Sternencluster kämpfen die Nachkommen der einstigen menschlichen SiedlerInnen und VertreterInnen fremder Spezies ums Überleben, und das alles unter den Argusaugen einer allmächtigen künstlichen Intelligenz namens MUTTER. Das Rollenspiel „ULTIMA RATIO – Im Schatten von MUTTER“ beschreibt ein dystopisches Zukunftssetting, das zwar hier und da Ähnlichkeiten mit anderen RPGs aufweist, aber ohne großen Regelballast und Würfelorgien auskommt und einen stärkeren Fokus aufs Erzählerische legt.

Ob als Weltraum-SchurkInnen illegale Waren zu schmuggeln, in den Reihen des Widerstands gegen das totalitäre Regime der gottgleichen KI MUTTER zu kämpfen oder umgekehrt als deren finstere SchergInnen zu agieren – „ULTIMA RATIO“ lässt viele Charakterideen zu und gibt nicht eine bestimmte Spielweise vor.

„Man könnte auch eine Gruppe von Steuerfahndern spielen, nur sind das hier dann eine Spezialeinheit mit dicken Wummen“, wie Autor Nikolas Tsamourtzis mir erklärte, als ich das System auf der SPIEL in Essen kennenlernte. Es ist ein über mehrere Jahre hinweg von Nikolas Spielgruppe entwickeltes Regel- und Hintergrundwerk, aus dem schließlich die erste eigene Rollenspielveröffentlichung wurde. In den letzten zwei Jahren wurden bisher vier Regel- und Quellenhefte veröffentlicht – alles selbst und nicht vom Schwarm finanziert – herausgebracht, im zweiten Quartal 2016 folgt noch ein Band mit Erweiterungsregeln.

Ultima Ratio besticht durch tolles Artwork und eine Weltbeschreibung, die viele Freiheiten lässt. Foto: joopAbkürzungswut und MUTTER-Komplex

Das Setting hat Elemente aus Science Fiction und Cyberpunk – in den Trümmern des vom Bürgerkrieg verwüsteten Planeten Auda vielleicht auch aus dem Steampunk –, welche SpielerInnen aus Filmen und Serien, Romanen und auch anderen Rollenspielen wiedererkennen und sich so schnell hineinversetzen können. Das hochwertige Cover-Artwork und die Illustrationen helfen ebenfalls dabei, sich die BewohnerInnen des Lukeanischen Reichs und der anderen Staaten im Themis-Rho-Cluster vorzustellen. Da wären zum Beispiel die telepathischen Alrhoone, die blauhäutigen Anamarianer oder die Insektenspezies  der Riszxlik zu nennen.

So schwer auszusprechen Namen wie der letztgenannter Spezies sein mögen, so vertraut klingen die durchweg in deutsch gehaltenen Bezeichnungen und Abkürzungen, die viele Dinge in „ULTIMA RATIO“ tragen. Zwar bleibt es offen, ob und wofür eigentlich MUTTER ein Akronym ist, doch die Bevölkerung wird von ihr mittels des implantierten Kredit-Identifikations-Nano-Datenspeichers überwacht; ergo werden sie KINDer genannt. Ein weiteres Highlight in Sachen Akronyme bildet wohl die Sondereinheit PALADIN (Permanent Aktive Loyale Agenten des internen Nachrichtendienstes). Wer so etwas albern findet, sollte vielleicht mal den USA PATRIOT ACT googeln. Meiner Meinung nach nimmt es die bürokratische Abkürzungs- und Sprachregelungswut nicht nur totalitärer Hierarchien gekonnt auf die Schippe.

Detailliebe und weiße Flecken

Solche Details setzen sich fest und machen für mich den Charme dieses Systems aus, das sich an anderer Stelle nicht scheut, in seinem Universum viele weiße Flecken zu lassen. Auf der einen Seite Beschreibungen auf das Notwendige beschränken und zugleich die Fantasie anzuregen, und nur an einzelnen Stellen ins Detail zu gehen, gelingt bis auf wenige Ausnahmen gut. Das Kastensystem im Band „Das Lukeanische Reich“ wäre sicher mit weniger Abstufungen ausgekommen als das griechische Alphabet Buchstaben hat. Umgekehrt hätte das „Raumerhandbuch“ noch einige Schiffstypen mehr aufführen können.

Letztlich zeigt sich darin ein Mut zur Lücke, welche die SpielerInnen mit ihren eigenen Erzählungen füllen sollen. Das Basisregelwerk beschreibt „ULTIMA RATIO“ selbst als ein Erzählspiel, wohl auch um es von stark regellastigen Systemen abzugrenzen, deren Regel- und Hintergrundbände Brockhaus-Ausmaße annehmen. Nicht so hier, alle vier bisher erschienen Bände sind je zwischen 40 und 52 Seiten stark, auch Dank des Verzichts auf für RPG-Neulinge abschreckenden Regelwust. Zwar gibt es auch hier hinter allem ein Regelsystem, doch dieses ist schlank und überschaubar gehalten Gleiches gilt für die Ausrüstungslisten, deren Knappheit auch als Einladung verstanden werden kann, Fehlendes dazu zu erfinden, was auch für „ULTIMA RATIO“ insgesamt gilt. Der/die SpielleiterIn wird bewusst als ErzählerIn bezeichnet, um deutlich zu machen, dass die Fantasie im Vordergrund steht. Was die SpielerInnen gemeinsam mit dem/der ErzählerIn erleben, wird schematisch als Szenen, Akte und Kapitel bezeichnet, was den Story-Aspekt zusätzlich betont.

Wenn doch einmal Würfel zum Einsatz kommen, sind es die in anderen Systemen eher selten benutzten Tetraeder-Würfel oder W4. Auch hier ist Kreativität gefragt, denn auf die Fertigkeiten (z.B. Schusswaffen, Einschüchtern, Elektronik) oder Attribute (z.B. Intelligenz oder Stärke) können nicht nur einzeln Proben abgelegt werden, sondern diese auch je nach Situation unterschiedlich kombiniert werden, um eine Herausforderung zu meistern.

:Johannes Opfermann

„ULTIMA RATIO – Im Schatten von MUTTER“

Basisregelwerk

Heinrich Tüffers Verlag, 40 Seiten

12,95 Euro

Mehr unter www.ultima-ratio-rpg.de