GELD SCHIESST TORE, TRADITION WIRFT BENGALOS? – Teil 6 der :bsz-Reihe zur Lage des Fußballs – Das Mekka des Fußballs: Die Kreisliga
We can be heroes, just for one day!
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ACHTUNG, HINTERMANN! Begeisterung und Leidenschaft für den Fußball werden auch in der Bochumer Kreisliga gelebt.  Foto: tims
ACHTUNG, HINTERMANN! Begeisterung und Leidenschaft für den Fußball werden auch in der Bochumer Kreisliga gelebt.

Der Fußball-Kreis Bochum zählt mit seinen 87 Vereinen und 12 Staffeln zu den größten in NRW. Zwischen Thekenmannschaften, Studierenden-Teams und zusammengekauften SöldnerInnen-Truppen ist auch in Bochum alles dabei. Doch was macht die Kreisliga so besonders? Bsz-Reporter Tim begibt sich auf Spurensuche.

Für viele AmateurkickerInnen ist sie das Mekka des Sports, der zu erklimmende Olymp oder auch einfach die wahre Champions League: die Kreisliga. Wenn sich Woche für Woche Millionen von Amateur-FußballerInnen in den drei untersten Ligen des Deutschen Fußball Bundes (DFB) die Ehre geben, spielt dabei nicht unbedingt technische Raffinesse und hohe Laufbereitschaft eine Rolle; das bekommen die Fußball-Aktiven ohnehin schon, wenn sie Bundesliga im Fernsehen, im Stadion oder in der nächsten Bar schauen. Nein, es geht um Einsatzbereitschaft, den unbedingten Willen und einfach den Anspruch, für einen Tag in der  Woche den Alltag zu vergessen und einmal den Helden zu spielen, frei nach David Bowie‘s Hymne „Heroes“, die wohl jedem Kicker aus der Seele spricht.

Stereotypen finden sich fast überall

Ob in Mitte, Langendreer, Gerthe, Wattenscheid oder Querenburg – wenn man die Sportanlangen betritt, greifen immer bestimmte Rollenmuster, die auf alle Plätze Bochums anwendbar sind: Unebener Ascheplatz, rutschiges Gras oder ganz stumpfer Kunstrasen gepaart mit ZuschauerInnen am Spielfeldrand, welche die Weisheit scheinbar mit Löffeln gefressen haben. Der nörgelnde „Früher-war-alles-besser-Opa“ mit der Bierflasche, der immer noch scharfsinnig die Spielweise der eigenen Mannschaft in Grund und Boden kritisiert, oder andere BeobachterInnen, die jede subjektiv falsche SchiedsrichterInnen-Entscheidung auf die Goldwaage legen und einen Sturm der Entrüstung auf der kompletten Platzanlage auslösen.

Gewaltbereitschaft wächst

Kreisliga verhält sich oftmals gleich, wobei das Thema SchiedsrichterInnen in den letzten Monaten zu großen Diskussionen geführt hatte. Vor allem die aggressive Verhaltensweise der SpielerInnen und ZuschauerInnen gegenüber den Unparteiischen sorgte für viel Gesprächsstoff. Erst Ende September musste eine Kreisliga-B-Begegnung zwischen BV Altenessen und Fatihspor Essen abgebrochen werden und der Schiedsrichter Hans Schottner flüchtete aus Angst in die eigene Kabine. Woche für Woche werden ähnliche Vorfälle in der Kreisspruchkammer diskutiert und aufgelistet – erst recht als 2012 Nachwuchsfußballer in den Niederlanden einen Linienrichter zu Tode geprügelt haben. Natürlich ist das nicht der Normalfall – die Vorfälle häufen sich aber.

Es sollte die schönste Nebensache bleiben

Auch wenn es für viele Mannschaften schwierig ist, sich gegen finanzstarke Mannschaften wie Phoenix Bochum durchzusetzen, so zeigen RUB-Studierenden-Teams wie BV Langendreer 07 II oder FC Azadi, dass der Spaß am Spiel auch im Vordergrund stehen kann – der Erfolg beider Vereine gibt ihnen recht. Trotz hoher Fluktuation in den jeweiligen Teams schaffen es beide, sich in der starken Kreisliga A1 zu halten (BV Langendreer 07 II) beziehungsweise in der B2, um den Aufstieg mitzuspielen (FC Azardi). Wenn also sonntags wieder der Ball rollt, sollte es für viele einfach die schönste Nebensache bleiben – Heroes just for one day!

:Tim Schwermer

:bsz-Reihe: Geld schießt Tore, Tradition wirft Bengalos?

„Die machen den Fußball kaputt!“

...das warf man sich jüngst vor, als das DFL-Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ Ende letzten Jahres verabschiedet wurde und zahlreiche Proteste in den Stadien nachsichzog. Fans warfen den Liga-Verantwortlichen, Sponsoren und Polizei vor, mit übertriebenen Kontrollvorlagen die Fankultur zu ersticken. Im Gegenzug werden die Leute auf der Tribüne dafür kritisiert, für Krawalle zu sorgen: Platzstürme, Hasstiraden und fackelnde Bengalos im Block und auf dem Rasen – König Fußball erscheint als Symptom für gesellschaftliche Widersprüche. Deutschland ist Weltmeister, aber von Burgfrieden ist weit und breit nichts zu sehen; stattdessen wird die Fangemeinde hierzulande polarisiert: Mäzenate, Retortenvereine und die allgemeine Kommerzialisierung des Profifußßballs sorgen dafür. Auf der anderen Seite sehen wir einen alltäglichen Existenzklampf der Traditionsvereine: Legendäre Clubs wie Rot-Weiss Essen, MSV Duisburg oder Rot-Weiß Oberhausen (,um nur wenige zu nennen) stehen oder standen am Rande des Abgrunds. Aber was, wenn alles durchkommerzialisiert ist? Wenn ein Stadion dem anderen ähnelt? Fangesänge der eigenen Mannschaft nicht mehr von den gegnerischen Chören zu unterscheiden sind? Wir wollen fragen: was kommt? Was bleibt? Wie wird er aussehen, unser Fußball: Eine Eskatase nach Feierabend oder routinierter Arbeitssieg? Das Beben der Kurve oder die Dekadenz der VIP-Tribüne? Das Singen der eigenen Chöre oder stumpfinniger Werbeterror? Nostalgie oder Erneuerung? Wahrheit oder Kommerz?

Bisher in dieser Reihe

:bsz 1011 — „Fußball in Zeiten der Krim-Krise“ über den Fußball in der Ukraine und Russland

:bsz  1013 — „Geld verleiht Flügel“ über Red Bull Leipzig

:bsz 1015 — „Echte Liebe zum Geld“ über die Kommerzialisierung der großen Ruhrpottvereine

:bsz 1017 — „Bochum, ich komm aus DIr!" über das Buch „111 Gründe, den VfL Bochum zu lieben“

:bsz 1019  — „Frauenfrei in die Bundesliga“ über das Aus der Frauenabteilung des VfL Bochum