Infografiken bis zum Abwinken – gestalten-Verlag versteht Deutschland
Was will uns dieses Buch sagen?
Coverausschnitt.: gestalten-Verlag
Lesen, lernen, anschauen: Die Autoren versuchen zu ergründen, was die Bundesrepublik im Innersten zusammenhält. Coverausschnitt.: gestalten-Verlag
Lesen, lernen, anschauen: Die Autoren versuchen zu ergründen, was die Bundesrepublik im Innersten zusammenhält.

Deutschland verstehen – nicht mehr und nicht weniger verspricht uns das Werk von Ralf Grauel und Jan Schwochow. Das ist der Anspruch, mit dem LeserInnen die 240 gebundenen Seiten im Hardcover zur Hand nehmen.  Aber wir von der  :bsz geben uns gerne erst einmal mit weniger zufrieden. Wir wollen wissen: Was sagt das Buch uns als Studierenden der RUB?

Ein ganz großes Buch – das lässt zumindest das Format vermuten.  Mit einer Über-DIN-A4-Größe und 240 Seiten Stärke ist der Infotainment-Band weniger Bahn- als Mit-mehreren-auf-dem-Teppich-liegend-stöber-Lektüre. Denn zumeist, fast immer, sind es bunte Bilder (im Fachjargon „Infografiken“ genannt), die einem aus den Buchdeckeln durchgestylt entgegenblitzen. Ursprünglich erschienen in einigen der renommiertesten Medien des Landes (wie zum Beispiel der „Zeit“), macht sie erst die geballte Masse bloßer Hintergrundinformationen zu  abendfüllendem, nachhaltigem Erkenntnisgewinn. Seit dem Vorweihnachtsgeschäft tingeln die Autoren durch die Republik, die sie vorgeben zu erklären, und halten ihren Schmöker in verdutzte Gesichter, Fernsehkameras und Radiomikrofone.

1. Freizeit

111,7 Liter Bier kippt sich der oder die Durchschnittsdeutsche im Jahr hinter die Binde. Fast ein Viertel der 20-bis-25-Jährigen trinkt an drei bis fünf Tagen pro Woche jeweils mehr als fünf Gläser Alkohol.  
Zwar gibt es nirgends so viele Städte mit mehr als 100.000 EinwohnerInnen und so viele Hochschulen wie im Ruhrgebiet, doch trotz der Klischees über Studierende haben sich Bioläden hier bisher im Bundesvergleich nur unterdurchschnittlich durchsetzen können. In Bochum gibt es 1,58, in Dortmund immerhin 2,74 Bioläden pro 100.000 EinwohnerInnen. Herne (0,6) und Gelsenkirchen (0,38) bilden so denn auch bundesweit die absoluten Schlusslichter.
Wer sich vor Augen führt, was andere für ihre Arbeitsleistung erhalten, muss als Studi oft erst einmal schlucken: Läppische 59 Tage Durchschnittsarbeit stecken in zwei Wochen Malle mit Halbpension, für 83 geht es schon ins All-inclusive-Paradies der Dominikanischen Republik. An der RUB bekommt man für seine Mühen gerade einmal ein paar läppische Creditpoints. Und die werden nicht einmal in der Jugendherberge in Wanne-Eickel als Zahlungsmittel akzeptiert.

2. Verkehr

Nicht erst seit den „spotted“-Seiten ist der Campus eine der größten Partnerbörsen – wenn man denn mal hingeht. 47 Prozent der 20-bis-24-Jährigen hatten schon mal einen One-Night-Stand, der Wochenschnitt der Gesamtbevölkerung von 2,0 Mal Sex wird an der Uni locker getoppt, wenn man den ganzen Geschichten glauben schenken kann. Ein klangvoller akademischer Titel kann dabei durchaus von Vorteil sein, kolportiert der Flurfunk – weswegen sonst sollte man sich jahrelang mit Büchern einschließen? An der Spitze der frischgebackenen Doktorinnen und Doktoren rangiert weiterhin (Stand 2009) die Humanmedizin (6604 Promotionen), mit Abstand gefolgt von Bio (2466). Am Ende rangiert die Informatik mit 719 erfolgreich promovierten Studierenden im Jahr 2009.
Trotz kurzer Wege im Revier kommen sicher auch einige Studierende auf die durchschnittlich 50 Stunden im Stau pro Jahr, welche die Autoren je BundesbürgerIn errechnet haben.  44 Prozent der Stauopfer versuchen, bei einem absehbaren Stau die Autobahn zu verlassen, aber dieses Mittel lässt in dicht besiedelten Ballungsräumen doch an Wirkung vermissen.

3. Pflichten

10.100 Bücher werden pro Stunde in deutschen Bibliotheken verliehen – und dazu leisten wir mit der UB unseren Beitrag. Sicher nicht erfasst werden in dieser Statistik die Lehrstuhlausleihen in den Präsenzbibliotheken…
„Das Alter ist weiblich“, stellen die Autoren fest und argumentieren mit der Lebenserwartung. Die Lebenserfahrung zeigt aber, dass zumindest an der Uni die Silberrücken in den ersten Stuhlreihen im Hörsaal meist männlichen Geschlechts sind.
Dass das Grönemeyer-Institut auf dem Campus nur bedingt mit Hits wie „Männer“ und „Mensch“ in Verbindung zu bringen ist, wissen die meisten. Die wenigsten wissen aber vor der „Deutschland verstehen“-Lektüre, dass der abseits des Campus’ in Bochum durchaus klangvolle Name Grönemeyer einst „Beauftragter eines Grundherrn auf dem Hof Krone“ bedeutete. Sachen gibt’s.

Ralf Grauel und Jan Schwochow: Deutschland verstehen. Ein Lese-Lern- und Anschaubuch.
gestalten-Verlag, 29,90 Euro.