Bedeutender Aufsatz
Warum die Lage der Welt sich nicht schnell genug verbessert
© Damian Gorczany
© Damian Gorczany

Interview. Der Aufsatz des RUB-Krisenforschers Prof. Dennis Dijkzeul, den er gemeinsam mit Prof. Kristin Bergtora Sandvik von der Universität Oslo schrieb, wurde in die Sonderausgabe der Fachzeitschrift „Disasters“ aufgenommen, in der die wichtigsten Beiträge der vergangenen 50 Jahre zusammengefasst sind. Wir haben mit ihm über den Aufsatz, Ansätze an die humanitäre Hilfe und Müdigkeitserscheinungen gesprochen.

:bsz: Ihr Aufsatz trägt den Titel „A world in turmoil: governing risk, establishing order in humanitarian crises“. Was ist dieser Aufruhr, den Sie beschreiben?

Prof. Dijkzeul: Ein Problem ist eine Wechselwirkung zwischen unterschiedlichen Krisen. Im Moment erleben wir bei uns im Westen die Klimakrise, Covid, Wirtschaftsflauten, aber auch politische Entwicklungen, die man nicht unbedingt direkt als Krise beschreiben kann, wie den Populismus. Wenn ich dann an Krisenländer im globalen Süden denke, geht es weiter mit Armut oder Korruption – nicht, dass das hier abwesend ist, aber es ist ein relativ kleineres Problem – also das, was man auf Englisch „bad governance“ nennt. Es gibt dabei eine Wechselwirkung und Verstärkung zwischen diesen Aspekten, die die Zukunft zwar sehr dynamisch, aber auch sehr unsicher gestaltet und bei der wir nicht wissen, wie wir reagieren müssen.

Ab welchem Punkt sagt man, dass eine Krise humanitäre Hilfe benötigt?

In dem Moment, in dem die Menschen die Krise nicht selbst bewältigen können. Da gibt es viele Messmethoden. Wenn man beispielsweise weiß, dass es einen großen Flüchtlingsstrom gibt. Oder es gibt Berichte, dass die Ernährungsmethoden in einer Region zu teuer werden oder, dass eine Ernte ausfällt. Da weiß man, jetzt müssen wir Hilfe vorbereiten. Im Allgemeinen kann man sagen, wenn nicht nur die Leute kaum besser überleben können, sondern auch, wenn ihre Kapazitäten zu leben kaputt gehen oder kaputt gemacht werden. Früher oder später, insbesondere wenn es eine Regierung gibt, die nicht für ihre Bevölkerung sorgen will oder sorgen kann, dann braucht man internationale humanitäre Unterstützung.

Gibt es zu wenig Mittel für die humanitäre Hilfe?

Ja, es gibt zu wenig Mittel. Es gibt noch das Gefühl, dass die Krisen weit entfernt sind. „Was habe ich damit am Hut?“ Aber da ist auch ein tieferes Problem. Das sind wieder die Wechselwirkungen von den Krisen, die sich einander verstärken. Klimawandel, Covid, Wirtschaftskrisen, Korruption. Das beeinflusst einander negativ und es gibt eine Art Teufelskreis, bei dem man immer mehr das Gefühl hat, dass die Probleme zu groß sind, dass es zu viel ist. Ich kenne das aus Debatten in den Niederlanden. „Die Leute sind für sich selbst verantwortlich.“ Ja, wirklich? Es gibt langfristige Folgen von Kolonialismus oder ein internationales Wirtschaftssystem, mit Handelsbeziehungen oder Konfliktmineralien, die wir in unseren Handys und Rechnern haben.
Im Moment verbessert sich die Lage nicht schnell genug. Wenn der Klimawandel außer Kontrolle gerät, dann haben wir es über die ganze Welt viel schlechter. Dann kommt es zum Beispiel zu viel mehr Flüchtlingen, die versuchen einen Weg dorthin zu finden, wo das Leben besser ist und das Klima beherrschbarer scheint. Natürlich gehen die Leute dann nach Europa oder nach Amerika. Ich glaube, da gibt es eine Angst in unserer Gesellschaft, die wir nicht genügend ansprechen und bei der wir noch nicht genügend über echte Lösungen nachdenken, aber die Lösungen zum Beispiel bedeuten würden, dass wir wirtschaftlich anders funktionieren.
Ich möchte aber noch über humanitäre Hilfe als Mittel zur Risikoreduktion sprechen. Es gibt beispielsweise „disaster risk reduction“ im Klimabereich. Ich mache Forschung über Ernährungssicherheit im Südsudan. Da gibt es viel, was nicht unbedingt humanitäre Hilfe ist, aber präventiv eine große Rolle spielen kann. Im Allgemeinen kann man feststellen, die Risiken sind globaler geworden. Ulrich Beck hat das in seinem Buch über die Risikogesellschaft beschrieben. Dass die Lösungen, die wir jetzt für gesellschaftliche Probleme entwickeln, dazu führen, dass es viele neue Probleme gibt. Wirtschaftswachstum führt beispielsweise zu Umweltproblemen und Klimaproblemen. Wirtschaftswachstum ist aber wichtig, um Armut zu bekämpfen, um Geld zu haben für Bildung und Gesundheitsfürsorge. Aber was macht man jetzt, wenn das seine eigenen Probleme verursacht? Dann kommt man auf die Wechselwirkungen zwischen Risiken und die Wechselwirkungen zwischen Krisen zurück. Ich glaube nicht, dass wir als Gesellschaft da schon Antworten gefunden haben.

Sie beschreiben, dass im öffentlichen Diskurs häufig zwei Definitionen vom Begriff „humanitär“ parallel genutzt werden, die sich voneinander unterscheiden. Gibt es auch Unterschiede darin, wie diese Definitionen bewertet werden?

Ich denke es ist wichtig, diese beiden Definitionen im Kopf zu behalten. Es gibt die enge Definition mit Hilfe nach humanitären Prinzipien in Krisengebieten, die versucht, keinen politischen Einfluss zu nehmen, aber für Menschen in Not zu sorgen. Übrigens kann diese Hilfe manipuliert werden. Wenn Geldgeberregierungen zum Beispiel diese Hilfe finanzieren, dann argumentieren sie, dass sie dann keine Militärs hinschicken müssen. Für viele von uns ist die humanitare Hilfe auch eine Entschuldigung um nicht darüber nachdenken zu müssen, wie wir unsere Weltwirtschaft umkrempeln müssen, um diese gerechter zu gestalten.
Aber können wir die internationale Weltwirtschaft so gestalten, dass beispielsweise lokale Unternehmer und Bauern in dem, was früher „die dritte Welt“ genannt wurde, mehr Chancen haben, um sich wirtschaftlich zu entwickeln? Diese Diskussion muss auch geführt werden. Und dann kommen wir in eine breitere Definition von humanitär, bei der es darum geht, dass es anderen Menschen besser geht. Ich finde es wichtig, diese gut auseinanderzuhalten, da man dann über andere positive Maßnahmen nachdenken kann.

Wie haben sich die Zielsetzungen der humanitären Hilfe in den vergangenen Jahrzehnten geändert?

Ganz breit gestellt hat es eine Entwicklung von einer deontologischen Hilfe auf Basis von humanitären Prinzipien – Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit – dahin gegeben, darüber nachzudenken, welchen Beitrag die humanitäre Intervention hat. Das wäre ein konsequentialistisches Prinzip. Man sieht, dass in dieser Hinsicht mehr Aufmerksamkeit auf Effizienz-Indikatoren oder andere Performance-Indikatoren gegeben wird.

Also beispielsweise durch Bewegungen wie die des Effektiven Altruismus, bei der Charity-Spenden anhand von Effektivitäts-Maßgaben verteilt werden?

Genau. Das kann sehr positive Effekte haben, wenn man darüber nachdenkt, wie man die Hilfe professionalisiert oder wie man das Management verbessert. Aber es hat auch negative Effekte. Wenn man über Effektivität redet, muss man auch darüber reden: Wessen Effektivität? Wer hat Vorteile davon oder wer definiert Effektivität? Wer hat die Machtansprüche und wer hat seine Definitionsmacht gelten lassen? Was effektiv für Washington oder für die Alternative für Deutschland oder für einen Bauer in Sahel ist, das können total andere Effektivitäts-Ideen sein. Dann kommt man wieder auf eher politische Fragen zurück. Wem hört man zu? Wer hat Macht zu bestimmen, wo es entlang geht? Das sind leider meistens nicht die Bauern in Sahel.

Welche Arten von Krisen werden dann eher priorisiert?

Es hat vor einigen Jahren einen Bericht von Ärzte ohne Grenzen gegeben mit dem Titel „Where is Everyone?“ Sie haben gezeigt, in wie vielen wirklich schwierigen Krisen es jetzt weniger humanitäre Organisationen gibt. Das Signal nach diesem Effizienzdenken wackelt dort, denn die humanitären Organisationen möchten gerne Erfolge verzeichnen. Um diese Erfolge messen zu können, ist es leichter in Krisengebieten zu arbeiten, wo man denkt, man könne schnell erfolgreich sein. Also gibt es eine Auswahl, womit man die schwierigen Krisen eher zu vergessenen Krisen macht und sich auf bestimmte Arten von Opfern oder Ländern fokussiert, bei denen man das Gefühl hat, Effektivität besser zeigen zu können als in einem anderen Land. Denn da ist die Krise so schwierig oder die Menschen haben so viele Probleme – da geben wir uns weniger Mühe, denn es kostet viel Geld, aber es sorgt nicht dafür, dass wir in der Presse oder mit unseren Kriterien oder Indikatoren gut aussehen.
Was mir aber ganz wichtig ist: Es gibt auch aufrechte Hilfe. Es gibt auch wirklich effektive Hilfe, die dafür sorgt, dass Menschen überleben und ihr Leben besser gestalten können. Ich bin immer sehr kritisch über Hilfe, aber eigentlich sehe ich da viele Möglichkeiten, diese besser zu gestalten. Worüber ich kritisch bin, ist, ob wir diese Möglichkeiten tatsächlich ergreifen werden.

Herr Dijkzeul, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte: Stefan Moll

Was ist humanitäre Hilfe?

Als humanitäre Hilfe versteht man bedarfsorientierte Unterstützungsaktionen nach Krisen und Katastrophen zur Linderung menschlichen Leids. In der Regel geht es um die Lieferung von Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten, Baustoffen und sanitären Anlagen, aber auch durch den Schutz der Zivilbevölkerung vor Kampfhandlungen. Alle größeren politischen Kräfte leisten humanitäre Hilfsaktionen und sämtliche NGOs sind letztlich von der Politik abhängig. Daher rührt auch die Kritik am Konzept der humanitären Hilfe: Sie schaffe Abhängigkeiten, arbeite mit fraglichen politischen Akteur:innen zusammen, diene der Maskierung neokolonialer Politik und mache aus dem Elend ein Geschäft.

Wer leistet humanitäre Hilfe?

Zu den wichtigsten Akteur:innen gehören die UN-Sonderorganisationen, wie die WHO, UNICEF oder die FAO. Sie leisten selbst Hilfe, sind aber auch für die Koordinierung internationaler Hilfe verantwortlich. Sie finanzieren ihre Arbeit sowohl aus Geldern der UN-Mitgliedsstaaten als auch über Spenden. Älter sind die internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung, deren Keimzelle 1863 in der Schweiz gegründet wurde und die nach dem Ersten Weltkrieg 1919 als internationales Netzwerk entstand.

:lewy

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