bzw. beziehungsweise spielt „Ausgang Freiheit“ im Musischen Zentrum
Wahlfreiheit heißt nicht Qualfreiheit
Foto: Julian Pache
bzw. beziehungsweise: Zwei Menschen, einmal handgemachtes Theater. Foto: Julian Pache
bzw. beziehungsweise: Zwei Menschen, einmal handgemachtes Theater.

Wenn die Eltern das von einem/einer erwarten, was man selbst will, hat man keine Möglichkeit, gegen sie zu rebellieren. Dieses Problem hat auch Lutz. Seit einem Jahr sitzt er lethargisch in seinem Zimmer und weiß nicht, welchen der unzähligen Wege, die ihm als Kind aus bürgerlichem Hause offen stehen, er beschreiten soll. Bis sein Großvater ihm eine Getränkekarte einer Essener Karaokebar vererbt. Lutz zieht endlich los, auf die Suche nach dieser Bar, und am Ende ist immer noch unklar, ob er weiß, was er will.

Erzählt wird Lutz’ Geschichte von Susanne alias Susanne Goldmann und Matti alias Mattias Engling. Die beiden, die an der Ruhr-Uni Theaterwissenschaft und Komparatistik studieren, spielen in ihrem Stück „Ausgang Freiheit“ zuerst sich selbst; zwei junge Menschen, die anderen jungen Menschen eine Geschichte erzählen wollen - und dabei in die Rollen ihrer Figuren schlüpfen.

Mattias spielt dabei die Hauptfigur Lutz, einen Jungen, der kein klares Ziel für sein Leben vor Augen hat, erdrückt von den eigenen und den Erwartungen von außen, die die Gesellschaft in Gestalt seiner Familie an ihn stellt. – nicht einmal ein Anti-Ziel, denn seine Eltern erwarten ebenfalls nichts von ihm, lassen ihn seinen eigenen Weg finden. Lutz’ Familie wird ebenfalls von Mattias selbst gespielt. Klingt komisch – ist es auch. Mattias hat Erfahrung als Komiker und als Schauspieler und weiß die Figuren rasch zu wechseln – und deutlich zu überzeichnen.

Lebens(un)weisheiten an der Bar

Susanne spielt die beiden Personen, denen Lutz in der (fiktiven) Essener Karaokebar „Zum singenden Kakadu“ begegnet: Zum einen ist da Woodie, ein alter Barpianist. (Und wenn Susanne schon am Klavier sitzt, begleitet sie das Stück auch live auf dem Tasteninstrument!) Selbstverständlich begegnet er dort auch einem Mädchen, Clara, das sein Leben verändern wird – zumindest glaubt Lutz das. Und somit stellt sich wieder die Frage: Was will ich überhaupt?

Eine Frage, die sich in einer Überflussgesellschaft wohl jedeR zumindest einmal gestellt hat, oft in der Zeit um den Schulabschluss herum.

Als die Eltern noch sagten: „Lern’ was Ordentliches!“, konnte man noch aufbegehren und auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit pochen, „aber heute wird doch von allen verlangt, kreativ zu sein – von den Eltern, von den Arbeitgebern“, erklären Susanne und Matti. Damit sind viele Angehörige unserer Generation überfordert. „Unser Stück gibt keinen Lösungsweg vor. Es stellt eher noch mehr Fragen“, sagt das SchauspielerInnen- und AutorInnen-Duo.

Auf Anfrage der Leiterin von Mattias’ ehemaliger Jugendtheatergruppe, ob die beiden nicht ein Stück für Jugendliche schreiben und auf die Bühne bringen wollen, sagten die beiden RUB-Studis natürlich nicht Nein.

Ein flexibles Konzept

So entstand in den letzten Monaten unter professioneller Leitung und mit viel Feedback von Freundinnen und Freunden „Ausgang Freiheit“. Das Stück entstand in den Proben, immer wieder wurden Ideen verworfen, spontan neue entwickelt. Herausgekommen ist eine runde Sache, die nicht nur Jugendliche anspricht, wie die ersten Aufführungen im Schaustall Langenfeld am 13. und 14. Juni bewiesen: Volles Haus, viel Applaus, begeisterte Reaktionen.

Nach den ersten beiden Vorstellungen im Rheinland bringt das Duo, das unter dem Namen bzw. beziehungsweise auftritt, sein Stück nun auf die Studiobühne des Musischen Zentrums. Am Wochenende des 21./22. Juni kann man sich hier selbst zur Reflexion nach seinem eigenen Willen inspirieren lassen.

Samstag 21. Juni, 18 Uhr (im Anschluss Deutschland – Ghana im KulturCafé)
Sonntag, 22. Juni, 19:30 Uhr
Musisches Zentrum, RUB

 

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