Das Konzept WWOOFing als obligatorischer Auslandsaufenthalt
Von Hühnerfarmen und Permakultur
Foto: tom
Ein kleiner Teil des von John gehegten natürlichen Gartens: Was aussieht wie wilder Wucher ist bis ins letzte Detail geplant. Foto: tom
Ein kleiner Teil des von John gehegten natürlichen Gartens: Was aussieht wie wilder Wucher ist bis ins letzte Detail geplant.

Reisen. Wir präsentieren eine günstige und lehrreiche Alternative im Bereich obligatorischer Auslandsaufenthalt für Fremdsprachen-Studierende. WWOOFing ermöglicht direkten und alltäglichen Austausch mit fremden naturnahen Arbeitsbereichen und Kulturen.

WWOOF steht für World-Wide Opportunities on Organic Farms und ist ein mittlerweile die ganze Welt umspannendes Netzwerk, welches das Konzept verfolgt, Menschen zusammenzubringen, die naturverbunden leben oder einen solchen Lebensstil kennenlernen wollen. Auf der Webseite des Netzwerks heißt es: „WWOOF ist eine weltweite Bewegung, die Freiwillige mit Bio-Farmern und -Erzeugern in Kontakt bringt, um kulturelle und lehrreiche Erfahrungen basierend auf Vertrauen und geldlosem Austausch zu fördern, um so dabei zu helfen, eine nachhaltige, globale Gemeinschaft zu bilden.“ Zu den Zielen der Organisation gehören vorwiegend der Austausch zwischen Stadt- und Landbevölkerung, ergo KonsumentInnen und ProduzentInnen, sowie die Vermittlung von Erfahrungen und Wissen aus der ökologischen Landwirtschaft aus erster Hand an freiwillige HelferInnen. Als weitere Ziele gelten das Vorleben eines umweltschonenden, naturverbundenen Lebensstils und die Darstellung eines lebendigen Netzwerks in der ökologischen Bewegung. 

Darüber hinaus eignet sich WWOOF aber auch für Studierende von Fremdsprachen als Alternative zum Auslandssemester oder einem Fortgeschrittenensprachkurs und ist zudem eine weniger kostspielige Variante. Anglistik-Studierende können beispielsweise sechs Wochen in Irland verbringen und dabei Erfahrungen auf einer Hühnerfarm sammeln sowie einen Gastgeber besuchen, der sein Grundstück grundlegend renaturiert.

Das Huhn und das Ei

Tief im Westen, in beschaulicher Abgeschiedenheit, residieren Ute und Hans, letzterer von allen und daher auch im Folgenden Jocki genannt. Dieser habe „schon vor 40 Jahren in Irland gewwooft, nur hieß es damals noch nicht so. Und als wir nach Irland auswanderten, hatten wir hier auf der Farm so viel zu tun, keine Knete und als wir endlich aus dem Wohnwagen in die ersten renovierten Räume ins Cottage zogen, auch Platz für Gäste“, erklärt Ute. Zu diesem Zeitpunkt hätten sich die beiden bereits über jede Hilfe gefreut, sei es beim Gartenanlegen, dem Aufbau von Polytunneln, der Schweine-, Schafe-, Rinder- und Hühnerhaltung oder der Renovierung des Cottages. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden noch nicht bei WWOOF registriert und waren daher auf Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen: „Es gab noch keine WWOOF-Webseite und E-Mails, also wurde man von Freunden angesprochen. Dann hatten wir in einem Sommer eine private Anzeige in einer Kölner Zeitung, und daraufhin so viele Bewerber, dass es für zwei Jahre gereicht hat.“ Mittlerweile sind sie seit fünf Jahren Mitglied bei WWOOF Ireland und beschäftigen von Mai bis Oktober freiwillige HelferInnen.

Lernen kann der Stadtmensch von heute dort einiges. Die Hauptarbeit besteht aus der Kükenaufzucht und der Eierproduktion. Dazu gehören das Sammeln von Eiern, das Verpacken und Ausliefern ebenjener, das Säubern der Ställe, das Mähen der Wiesen sowie das Versetzen der Zäune. Ebenso besitzt das Ehepaar eine Herde Kühe, die auch im Winter draußen ist und dann täglich gefüttert wird, im Sommer wird sie auf verschiedene Wiesen getrieben. Ute fasst zusammen: „Es gibt ’ne Menge über artgerechte Tierhaltung zu lernen.“ 

Darüber hinaus besitzen die beiden zwei Polytunnel, in denen fast das ganze Jahr über Gemüse wächst, dabei wird zum Beispiel mit dem Säen angefangen, Hühnermist in die Erde eingegraben und natürlicher Pflanzenschutz praktiziert. WWOOFerInnen können ebenso lernen, Marmelade und Saft aus den zahlreichen an Bäumen und Sträuchern wachsenden Früchten herzustellen oder von Jocki in Holz- und Drechselarbeiten unterrichtet werden.

Außerdem sind die beiden Teil der Burren Farming for Conservation Maßnahme, die den Erhalt und die Unterstützung der in der 250 Quadratkilometer großen Karstlandschaft im Westen Irlands gelegenen Umwelt und Gemeinschaft zum Ziel hat. Die Maßnahme belegte erst kürzlich den ersten Platz beim „EU Life Award for Nature and Biodiversity“.

Back to nature

Ein weiteres, recht isoliert gelegenes Grundstück westlich von Cork. gehört John, der Spezialist auf dem Gebiet Permakultur ist – ein Konzept, das darauf ausgerichtet ist, naturnahe und nachhaltige Kreisläufe zu schaffen. 

Er selbst arbeitete länger in England, bevor er vor 21 Jahren nach Irland zurückgekehrt ist, um dem „rat race“ (dt. Hamsterrad) zu entkommen, wie er sagt. Zu diesem Zeitpunkt habe er sich „ziemlich verloren“ gefühlt. „Ich wusste, dass ich naturnah in der irischen ländlichen Gegend leben wollte, und suchte nach einem einfachen nachhaltigen Lebensstil und Arbeit in diesem Bereich“, erklärt John. Er folgte wie gewohnt seinem Instinkt und nahm immer einen Schritt in die Richtung, die er für die richtige hielt, lernte dabei jeden Schritt zu schätzen und dankbar zu sein. Einer dieser Schritte bestand darin, zu wwoofen. „Mir gefiel die Idee, günstig leben zu können und mir dabei die Fähigkeiten anzueignen, die ich brauchen würde, wie zum Beispiel im Bereich Gartenbau“, sagt John. Er lebte anschließend für ein Jahr als WWOOFer bei einem Pärchen, von dem er viel lernte und das ihn außerdem mit den nötigen „How to“-Büchern versorgte. Im Folgenden fand er das Grundstück, das er heute besitzt und begann damit, selbst WWOOFerInnen willkommen zu heißen. „Ich liebe win-win-Szenarien, und das WWOOFing kann ein solches sein.“ WWOOFerInnen könnten auf vielerlei Art Freude mit sich bringen, wie zum Beispiel durch neue Rezepte, gute Musik, gute Geschichten oder schlichtweg als gute Gesellschaft. „Meine liebste Freude ist allerdings der von Zufriedenheit und Errungenschaft gefüllte Gesichtsausdruck eines WWOOFers, wenn er ein neues Interesse oder eine neue Fähigkeit entdeckt hat.“ John möchte nämlich auch anderen Menschen dabei helfen, den nächsten Schritt auf ihrem Lebensweg zu finden.  

Resümee

Tja, das habe ich erlebt. Und es war großartig. Beim WWOOFing wird Entschleunigung gelebt, und der Wunsch nach der Rückkehr in die dichte Metropole immer kleiner. Eine Erfahrung, die ich jeder Person ans Herz legen würde, die zumindest einmal in einen völlig alternativen Lebensstil reinschnuppern möchte. Muss ja nicht für immer sein, man kann’s auch nur für ’ne Woche ausprobieren.