Tagebuch der Susi Schmerler
Von einer Zeit, die nie vergangen ist
Bild: Archiv des Vereins Erinnern für die Zukunft e.V., Bochum
Susi Schmerler: Jochanan Nadir übergibt Hubert Schneider das Tagebuch seiner Frau. Bild: Archiv des Vereins Erinnern für die Zukunft e.V., Bochum
Susi Schmerler: Jochanan Nadir übergibt Hubert Schneider das Tagebuch seiner Frau.

Interview. Während Hubert Schneider im Bahnhof Langendreer das „Tagebuch der Susi Schmerler“ vorstellt, blicken ihre Eltern ihm von der Leinwand über die Schulter. Die Schülerin erhielt im März 1939 die Erlaubnis, nach Palästina auszuwandern – ohne ihre Familie.

:bsz: Herr Schneider, Susi Schmerler beginnt ihr Tagebuch mit den Worten: „Zbąszyn! Noch bin ich in Polen.“ Was war passiert, dass die Schülerin aus Bochum sich am 5. März 1939 in Zbąszyn von ihren Eltern und ihrem Bruder, den sie Bubi nannte, verabschieden muss?
Hubert Schneider: Susi war ab Mitte 1938 in einem zwischen Bonn und Köln gelegenen Kibbuz. Das war eine landwirtschaftliche Einrichtung, da sind die jungen Leute ein, zwei Jahre hingegangen und haben landwirtschaftliche Arbeit gelernt als Vorbereitung für die Ausreise nach Palästina. Das Gelände war von einer jüdischen Familie zur Verfügung gestellt worden.

In dem Buch habe ich gelesen, dass am 28. Oktober 1938 etwa hundertfünfzig „Ostjuden“ mit dem Zug aus Bochum abtransportiert wurden. Unter ihnen auch Susis Familie. Und Susi?
Sie ist vom Kibbuz aus ausgewiesen worden, traf im deutsch-polnischen Grenzort Zbaszyn ihre Familie wieder. Im März 1939 erhielt sie die Erlaubnis, nach Palästina auszuwandern. Ihre Eltern und der kleine Bruder mussten bleiben.  

Bald nach dem Beginn ihres neuen Lebens in der Nähe von Tel Aviv gelegenen Kibbuz „Nachlath Jehuda“ verlor Susi den Briefkontakt zu ihren Eltern. Hat Susi später etwas von ihrem weiteren Schicksal erfahren?
Susis Eltern sind ermordet worden. In Yad Vashem (Anm. d. Red. Holocaust-Gedenkstelle in Jerusalem) hat Susi Daten über die Eltern gefunden, aber nichts über Bubi, ihren kleinen Bruder. Das hat sie sehr geschmerzt und sie hat sich gefragt: „Was haben die Leute nur mit den Kindern gemacht?“

Sie haben Frau Nadir als eine der Überlebenden kennengelernt, die auf Initiative von Ihrem Verein im Jahr 1995 für eine Woche Bochum besuchten.
Ich bin immer näher an sie herangekommen im Laufe der Jahre. In ihrem 1997 für Yad Vashem geschriebenen Text „Bahngleise“ hat sie über den Besuch hier in Bochum reflektiert. Diese Geschichte zu lesen, das ist kaum zu ertragen. Man sieht, dass für Susi die Zeit, die sie als 15-, 16-Jährige erlebt hat, nie vergangen ist. Sie hat damit gelebt und ist davon geprägt worden bis ins hohe Alter.

Sie haben bei Ihrer Lesung nur wenig vorgelesen aus dem Tagebuch...
Wissen Sie, ich kenne natürlich Susi als erwachsene Frau. Ich habe mich viel mit ihr unterhalten. Diesen Text zu lesen... Ich sehe sie dann immer vor mir. Ich werde nie vergessen, wie ich mit dem alten Herr Nadir (Zweiter Ehemann von Susi, die sich in Palästina Schulamith nannte) in seinem Zimmer sitze und er mir die Geschichte des Tagebuchs erzählt und mir sagt, was es bedeutet hat für seine Frau, wie wichtig es für sie war, dass der Text nicht verloren geht. Das sind alles sehr persönliche Geschichten.  

Das Interview führte :Jonathan Josten

Info:Box

Momentan ist Hubert Schneider dabei, den Verein Erinnern für die Zukunft e.V. aufzulösen. Heute hat er noch telefonischen Kontakt zu fünf oder sechs Überlebenden. Die restlichen Bochumer Überlebenden sind tot. Susi, beziehungsweise Schulamith Nadir, verstarb 2001.

Hubert Schneider: ,,Das Tagebuch der Susi Schmerler, eines jüdischen Mädchens aus Bochum‘‘, LIT Verlag, 192 Seiten, 29,90 Euro.