Glosse: Auf manche KomillitonInnen würde man lieber verzichten
Vom Igel, den niemand mag
Illustration: mar
Fabel-hafter Kommilitone: Alle kennen so einen Igel – und können ihn nicht ab. Illustration: mar
Fabel-hafter Kommilitone: Alle kennen so einen Igel – und können ihn nicht ab.
Es hat auch schon mal spannendere Seminare gegeben, denke ich mir. Aber gut, da muss man durch. Einfach 90 Minuten absitzen und dann mit Freunden an den Kemnader See. Die Dozentin erzählt solange etwas davon, dass die Fabel eine Textform ist, in welcher Tieren menschliche Eigenschaften verliehen werden, um auf spezielle Menschen oder auf Menschentypen allgemein verweisen zu können. Das kenne man aus der Schule, bla bla bla. „Entschuldigen Sie die Verspätung, aber die Bahn …“, kommt es auf einmal von der Tür. Ach du Scheiße, der Igel. Und ausgerechnet neben mir ist der letzte Stuhl frei.
 
Natürlich muss der Igel sich erst einen Weg durch die engen Stuhlreihen bahnen. Hätte er wie jeder vernünftige Student beim Reinkommen die Klappe gehalten und die Dozentin nicht mit seiner Entschuldigung unterbrochen, spätestens jetzt hätten alle sein Kommen bemerkt. Stühle rücken, quietsch, rück, gemurmeltes „’tschuldigung, darfichmal“. Dann sitzt er endlich neben mir.
 
Die Geschichte mit der Bahn war natürlich erstunken und erlogen. Vor allem erstunken. Dass nicht die Bogestra Schuld an seiner Verspätung war, sondern dass der Igel voll verpennt hat und dann nicht mehr zum Zähneputzen oder Duschen gekommen ist, merke ich direkt. Hoffentlich redet der jetzt nicht mit mir, mit seinem halben Abendessen von gestern zwischen den Zähnen.

Blaumachen ist nicht immer cool

„Entschuldige, hast du vielleicht ein Taschentuch?“, fragt er mich nach zwei Minuten. Ich schaue ihn an. Seine Pfötchen sind ganz blau, genauso wie sein Federmäppchen. Blaue Tropfen zieren den Tisch vor ihm. „Mein Füller ist ausgelaufen. Das macht er manchmal, hehe“, sagt der Igel kleinlaut. Unwillkürlich schaue ich an meinem Ärmel herab, um zu überprüfen, ob er nicht auch mich bekleckert hat mit seiner Tinte.
 
„Hier, bitte“, sage ich, als ich ihm ein Taschentuch reiche und ich überlege, wann ich das letzte Mal mit Füller geschrieben habe. Das muss in der sechsten Klasse gewesen sein. Und jetzt bin ich im sechsten Semester! 
 
„Hast du vielleicht auch eine Tintenpatrone?“, raunt es mich von der Seite an. „Aber eine kleine, die großen Lamy-Dinger passen bei mir nicht.“ Ich schüttle den Kopf und fasse nicht, dass es eine Erlösung darstellt, der langweiligen Dozentin zu lauschen.

Unfreiwillige Nachspielzeit

Pünktlich nach 90 Minuten hat diese die Sitzung beendet, eine Handvoll KomillitonInnen hat den Raum schon verlassen, da fragt mein Sitznachbar: „Ist die Anwesenheitsliste schon rumgegangen?“ „Ach ja, gut, dass sie mich daran erinnern. Tragen Sie sich doch bitte noch hier ein, ja?“ 20 wütende Augenpaare richten sich auf den Igel, der sich das Bonbon in den Mund schiebt, das er die letzten fünf Minuten betont unauffällig ohne Knistern hat öffnen wollen. Zehn Minuten später als geplant, kann ich endlich Bier holen.
 
Die Woche drauf hat der Igel natürlich die vorzubereitende Lektüre „vergessen“, ob er nicht bei mir reingucken dürfe. Die Woche darauf dann fragt er mich, wie denn das Blackboardpasswort laute. Ob wir nicht zusammen für die Klausur lernen wollen, fragt er mich. Ich überlege, ob ich die Klausur nicht lieber nächstes Semester wiederholen soll.
 
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