GELD SCHIESST TORE, TRADITION WIRFT BENGALOS? – Teil 7 der :bsz-Reihe zur Lage des Fußballs – Fehlstart in der Bundesliga
Vom Bayernjäger zum Schlusslicht
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Kloppos Terminkalender: Müssen sich die BVB-Fans bald den Montagabend frei halten? Gibt es wieder Gründe, Sport1 zu gucken? Geht es bald regelmäßig in die Provinz? Foto: mb, tims, bent
Kloppos Terminkalender: Müssen sich die BVB-Fans bald den Montagabend frei halten? Gibt es wieder Gründe, Sport1 zu gucken? Geht es bald regelmäßig in die Provinz?

Die Ära von Jürgen Klopp bei Borussia Dortmund war bisher geprägt von kontinuierlicher Qualitätssteigerung, die 2011 und 2012 mit den gewonnenen Meisterschaften, dem Double und dem Einzug ins Champions-League-Finale seine Höhepunkte fand. Diese Saison gestaltet sich jedoch deutlich anders – woran hapert es bei den Schwarz-Gelben?

Schaute der treue BVB-Fan in der vergangenen Woche auf die Bundesliga-Tabelle, musste er diese erst einmal ordentlich durchblättern, um seinen Verein zu finden. Nach der 0:2-Niederlage gegen Eintracht Frankfurt fand sich Borussia Dortmund ganz am Ende wieder: Platz 18 für den Champions-League-Teilnehmer, der eine alles andere als gute Bundesliga-Hinrunde spielt. Doch warum kommt der BVB in dieser Saison nicht so richtig in Fahrt?

Viele Verletzte, wenig Alternativen

Plausibel klingt das Argument, welches Jürgen Klopp Woche für Woche als Grund für die Talfahrt der Mannschaft liefert: Die lange Verletztenliste. Mats Hummels, Weltmeister und für den Spielaufbau von hinten wichtiger Bestandteil der Mannschaft, musste wiederholt kürzer treten und fand nach dem Weltmeistertitel im Sommer noch nicht zu alter Stärke zurück. Das zentrale defensive Mittelfeld mit Ilkay Gündogan, Nuri Sahin und selbst Ersatzmann Oliver Kirch fiel monatelang aus und ist natürlich ein Faktor, warum der Revierclub tief im Abstiegskampf steckt. Und wenn dann auch wiederholt Schlüsselspieler Marco Reus ausfällt, der sowieso schon bei der WM verletzungsbedingt gefehlt hatte, ist zumindest klar, dass mit Bayern München zur Zeit nicht konkurriert werden kann. Doch auch der ungeliebte Reviernachbar Schalke 04 hat mit ähnlichen Verletzungsproblemen zu kämpfen und es trotzdem geschafft, den Anschluss an das obere Tabellendrittel zu halten. Gibt es etwa noch andere Ursachen?

Bayern schwächt gezielt die Konkurrenz

Die Abgänge von Robert Lewandowski und Mario Götze ein Jahr zuvor zu Bayern München konnten die Neuverpflichtungen Ciro Immobile und Adrián Ramos noch nicht ersetzen. Besonders das Fehlen des Torgaranten Robert Lewandowski ist an allen Ecken zu spüren. Die Wiederkehrer Nuri Sahin und Publikumsliebling Shinji Kagawa konnten an ihre Leistungen aus den Meisterjahren noch nicht anknüpfen und auch der pfeilschnelle Pierre-Emerick Aubameyang bekommt trotz guter Leistungen noch zu wenig Unterstützung von seinen Mitspielern. Ligakrösus Bayern München hat es also geschafft, den ärgsten Verfolger der letzten Jahre gezielt zu schwächen und seine Mannschaft noch weiter zu verstärken. Ernste Abstiegssorgen sollte man im Revier trotzdem nicht haben – dafür waren die Auftritte der letzten Woche auch teilweise mit viel Pech verbunden und gleichzeitig ist die Qualität der Mannschaft einfach zu hoch.

Aufholjagd durch Sieg gegen Hoffenheim gestartet

Die Krise beim BVB hat also viele Ursachen. Neben der langen Verletztenliste mussten schmerzhafte Abgänge kompensiert werden, was nicht eins zu eins möglich war. Zudem hat das System Klopp mit dem unermüdlichen Power-Fußball samt Gegenpressing und sprintintensivem Spielstil in den letzten Jahren Kraft gekostet, was man den Spielern in der Bundesliga anmerkt. Zuletzt zeigte der BVB nur in der Champions League den Fußball, für den er in den letzten Jahren so gelobt wurde: Attraktiv und offensiv. Bis zur Winterpause muss sich der Club noch retten, um dann in der Rückrunde eine Aufholjagd zu starten. Der Grundstein wurde mit dem Sieg gegen Hoffenheim am vergangenen Spieltag gelegt. Um Bayern München Paroli im Titelkampf bieten zu können, wird es allerdings nicht mehr reichen.

:Tim Schwermer

 

: bsz-Reihe: Geld schießt Tore, Tradition wirft Bengalos?

„Die machen den Fußball kaputt!“

...das warf man sich jüngst vor, als das DFL-Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ Ende letzten Jahres verabschiedet wurde und zahlreiche Proteste in den Stadien nachsichzog. Fans warfen den Liga-Verantwortlichen, Sponsoren und Polizei vor, mit übertriebenen Kontrollvorlagen die Fankultur zu ersticken. Im Gegenzug werden die Leute auf der Tribüne dafür kritisiert, für Krawalle zu sorgen: Platzstürme, Hasstiraden und fackelnde Bengalos im Block und auf dem Rasen – König Fußball erscheint als Symptom für gesellschaftliche Widersprüche. Deutschland ist Weltmeister, aber von Burgfrieden ist weit und breit nichts zu sehen; stattdessen wird die Fangemeinde hierzulande polarisiert: Mäzenate, Retortenvereine und die allgemeine Kommerzialisierung des Profifußßballs sorgen dafür. Auf der anderen Seite sehen wir einen alltäglichen Existenzklampf der Traditionsvereine: Legendäre Clubs wie Rot-Weiss Essen, MSV Duisburg oder Rot-Weiß Oberhausen (,um nur wenige zu nennen) stehen oder standen am Rande des Abgrunds. Aber was, wenn alles durchkommerzialisiert ist? Wenn ein Stadion dem anderen ähnelt? Fangesänge der eigenen Mannschaft nicht mehr von den gegnerischen Chören zu unterscheiden sind? Wir wollen fragen: was kommt? Was bleibt? Wie wird er aussehen, unser Fußball: Eine Eskatase nach Feierabend oder routinierter Arbeitssieg? Das Beben der Kurve oder die Dekadenz der VIP-Tribüne? Das Singen der eigenen Chöre oder stumpfinniger Werbeterror? Nostalgie oder Erneuerung? Wahrheit oder Kommerz?

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:bsz 1017 — „Bochum, ich komm aus DIr!" über das Buch „111 Gründe, den VfL Bochum zu lieben“

:bsz 1019  — „Frauenfrei in die Bundesliga“ über das Aus der Frauenabteilung des VfL Bochum

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