Zu viel Fastfood, zu wenig Bewegung: Was tun gegen das stetig steigende Körpergewicht in der Bevölkerung?
Volkskrankheit Adipositas
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Besorgt um unser aller Körpergewicht: Stephan Herpertz kritiserte nicht nur die Werbe- und Nahrungsmittelindustrie, sondern auch die gesellschaftliche Haltung zum Thema Fettleibigkeit.	              			     Foto: mb
Besorgt um unser aller Körpergewicht: Stephan Herpertz kritiserte nicht nur die Werbe- und Nahrungsmittelindustrie, sondern auch die gesellschaftliche Haltung zum Thema Fettleibigkeit. Foto: mb

JedeR zweite Deutsche galt im letzten Jahr als übergewichtig. Prognosen zufolge wird diese Zahl weiter ansteigen. ExpertInnen erwarten, dass im Jahre 2030 rund die Hälfte aller US-AmerikanerInnen fettleibig sein wird. Warum das Körpergewicht in der Bevölkerung zunimmt und was man dagegen tun kann, erläuterte der Medizinprofessor Stephan Herpertz letzte Woche Dienstag im Blue Square.

Übergewicht, Adipositas, Fettleibigkeit – viele verschiedene Bezeichnungen schwirren durch die Medien und die Ratgeberwelt. Doch meinen sie nicht alle das Selbe; während Übergewicht als ein Body Mass Index (BMI; Gewicht geteilt durch Größe im Quadrat) von 25 bis 29 definiert ist, liegt jenseits der 30 kg/m² die Fettleibigkeit oder Adipositas. Menschen mit Übergewicht sind noch nicht automatisch gesundheitlich eingeschränkt, da nicht jede Art von Fettgewebe mit Krankheiten einhergeht. Adipositas hingegen gilt als Risikofaktor für viele schwerwiegende Erkrankungen wie Herzinfarkt, Diabetes und Bluthochdruck.

Von Genuss und Faulheit

Etwas erschreckend sind die Statistiken, die von einem rapiden Anstieg der Fettleibigkeit in der Bevölkerung berichten – und noch lange kein Ende dessen prognostizieren. Professor Stephan Herpertz brachte es im Blue Square prägnant auf den Punkt: „Wenn wir uns in 15 Jahren wieder treffen, wird die Hälfte von Ihnen Adipositas haben.“
Der Direktor der LWL Klinik für Psychosomatische Medizin Bochum erklärt sich diese Entwicklung durch zweierlei Umstände: Wir essen zwar nicht mehr als unsere Großeltern, dennoch ist unsere Energiebilanz anders. Wir nehmen mehr zu uns als wir verbrennen, da wir im Gegensatz zu Oma und Opa heute nur noch etwa ein bis anderthalb Kilometer pro Tag zurücklegen – vor zwei Generationen waren es noch rund 13. Zudem schlemmen wir bekanntlich ungesund: hochkalorisch und zuckersüß schmeckt nun mal am besten.

Glotze an, Chipstüte auf

In vielen Fällen entscheidet sich schon früh, wie die eigene Figur im Erwachsenenalter beschaffen sein wird. Gut 30 Prozent der fettleibigen Fünf- bis Siebenjährigen sind später adipös, während ein jugendlicher BMI von größer als 30 mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit dauerhaft so hoch bleibt.
Die schlechten Gewohnheiten beginnen nämlich meist im Kindesalter – wer etwa länger fernsieht, ist häufiger fettleibig. „Das Fernsehen kann jedoch keine Strahlen aussenden, von denen man zunimmt“, bemerkte Professor Herpertz am Rande. Vielmehr spiegele die lange TV-Zeit eine Reihe von problematischen Faktoren wider. Anstatt die Kinder sitzend und mampfend von nahrungsverbreitenden Werbespots unterhalten zu lassen, sollten sich Eltern Zeit für ihren Nachwuchs nehmen – auch, wenn das für viele neben dem Vollzeitjob eine große Herausforderung sei, ergänzte Herpertz.
Schulische Präventionsprogramme, die Kindern etwa den Zucker- und Fettgehalt von Lebensmitteln nahebringen und sie zu vermehrter körperlicher Aktivität motivieren sollen, seien laut neuester Studien nicht besonders wirkungsvoll, erklärte der Medizinprofessor. Nach ein paar Wochen gingen die Effekte zurück und es erfolge keine stabile Verhaltensänderung – diese zu erreichen sei Herpertz zufolge ein langer Lernprozess und die kostspieligen Programme nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Wunsch vs. Wirklichkeit

Wer bereits an Fettleibigkeit erkrankt sei, dürfe nicht erwarten, etwa durch Crash-Diäten auf ein Normalgewicht zu kommen, warnte der Klinikleiter, der selbst auch als Psychotherapeut arbeitet. Sich realistische Ziele zu setzen sei das A und O – das bedeute in den meisten Fällen, lediglich fünf bis zehn Prozent des Ausgangsgewichts zu verlieren, den Endzustand aber stabil zu halten.
Das mag im ersten Moment erstmal frustrieren, weiß der Experte. Doch erfolgloses Abnehmen führe auf Dauer zu schlimmeren Folgen – denn dank Jojo-Effekt erlebten sich die Betroffenen als nicht wirksam, was das Selbstwertgefühl bedrohe und langfristig in Depressionen münden könne. Doch Herpertz weiß um die gesellschaftliche Stigmatisierung von adipösen Menschen und machte daher deutlich: „Fettleibigkeit ist kein rein medizinisches Thema, sondern vielmehr ein gesellschaftspolitisches.“

:Melinda Baranyai