:bsz-Drogenreihe: Psychoaktive Wundermittel oder gefährliche Nervengifte? Die Neurobiologie hinter Drogentrips
Vitamin K
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Gespritzt oder geschnupft: Ketamin ist in der Partyszene seit den 70er Jahren verbreitet. Collage: mb
Gespritzt oder geschnupft: Ketamin ist in der Partyszene seit den 70er Jahren verbreitet.

Feiern auf Narkosemittel? Was zunächst nach einem Widerspruch klingt, soll mit Ketamin ganz gut klappen. Denn statt komplett einzuschläfern, schaltet „Special K“ die Schmerzempfindung aus, fährt den Kreislauf hoch und beschert LSD-ähnliche Halluzinationen.

Seinen Ursprung hat der Arzneistoff seinem Vorgänger PCP (Phencyclidin, besser bekannt als Angel Dust) zu verdanken. Da letzteres Narkosemittel zu starke Nebenwirkungen verursachte, musste ein neues her – so wurde 1962 Ketamin in den USA erstmalig hergestellt.

Bereits beim ersten Selbstversuch zeigte sich, dass die Substanz nicht nur Bewusstlosigkeit, sondern auch psychedelische Erlebnisse mit sich bringt. Während NarkoseärztInnen deshalb Ketamin nur in Kombination mit Schlafmittel verabreichen, ist es genau die halluzinogene Rauschwirkung, die nichtmedizinische KonsumentInnen erleben möchten. Seit den 1970er Jahren kursiert der Stoff in Form von Pulver oder Injektionen in der Partyszene.

Kurz und schmerzlos

Geschluckt setzt die Wirkung nach etwa einer Viertelstunde ein, durch die Nase tritt der Rausch bereits nach fünf Minuten ein, während der Trip selbst nur eine knappe bis gute Stunde dauert.

„Erstmals habe ich das Zeug auf einer Exkursion in England in die Hände bekommen. Ich fühlte mich wie bei einem Fiebertraum, die Umrisse meiner Umgebung nahm ich wahr, aber alles war bunt vermischt.“
Matthie, 22, Student, schnupft gelegentlich Ketamin

Wie alle Narkosemittel dämpft Ketamin das Schmerzempfinden stark, während es statt einzuschläfern Blutdruck und Puls erhöht. Unangenehme Begleiterscheinungen können daher Übelkeit, Erbrechen und Angstzustände sein. Auf psychischer Ebene berichten KonsumentInnen von einer Art Traumzustand, bei dem sie mitunter das Gefühl haben, den eigenen Körper verlassen zu haben oder mit der Umgebung zu verschmelzen.

Völlige Entfremdung und Verletzungsgefahr

Solche paranormalen Eindrücke erleben viele eher als Albtraum; sie empfinden ihre Existenz als aufgelöst und können weder sich selbst noch die Situation einordnen, was in starker Panik gipfeln kann.

Abgesehen von solchen Horrortrips birgt das Narkosemittel die Gefahr der unabsichtlichen Verletzung, da schmerzhafte Reize nicht als solche wahrgenommen werden. Kriegt der Körper etwa kochendes Wasser ab – wodurch auf der Haut massive Schäden entstehen –, fühlt sich das auf Ketamin lediglich als lauwarm an.

„Mein Bruder nahm Ketamin zusammen mit einem Freund regelmäßig ein. Sobald sie ihren Trip hatten, begannen sie sich absichtlich Schmerzen zuzufügen, um zu testen, wann sie endlich was spüren. Sie schlitzen sich Arme und Beine auf oder schlugen aufeinander ein. Bis irgendwann einer von ihnen gestorben ist.“
Elise, 24, Studentin, ihr Bruder starb an Ketamin

Über Langzeiteffekte ist bisher wenig bekannt; Filmrisse gehören aber ebenso dazu wie Nasenbluten am Tag nach oralem Konsum. Manche berichten auch von dem so genannten K-Hole, das nach außen hin einer Bewusstlosigkeit ähnelt, während Betroffene von Reisen durch dunkle Tunnel sowie Nahtoderfahrungen berichten.

:Melinda Baranyai & ­

:Katharina Cygan

Steckbrief: Ketamin

Erstmals hergestellt: 1962 in den USA

Wirkstoff: Ketamin

Wirkung: schmerzhemmend, benebelnd

Zu sehen in:  „Dr. House“, „Donkey Punch“

In unserer Drogenreihe stellen wir Euch die Wirkungsweise verschiedener Substanzen vor – Erfahrungsberichte treffen auf Wissenschaft.

Lest hier auch den anderen bisher erschienenen Artikel der Reihe:

„Trendharz Cannabis“

„Schmetterling trifft Handgranate“

„Die Droge der Reichen und Schönen“

„Hochpotenter Heldenrausch“

„Von der Panzerschokolade zum TV-Star“

„Zauberhafte Hütchen“

„Vom Gift nur das Allerfeinste“

„Vom Modeaccesoire zum Lungenteufel“

„Rausch aus der Dose“

„Doping fürs Gehirn“

Co-Autor(in):