Eine melancholische Ode an die 70er Jahre: „Die wilde Zeit“
Träumen von der Revolution
Foto: NFP Carole Bethuel
Christine (Lola Créton) auf dem Abstellgleis: Warten, dass etwas passiert.	 Foto: NFP Carole Bethuel
Christine (Lola Créton) auf dem Abstellgleis: Warten, dass etwas passiert.

In seinem Film „Die wilde Zeit“ zeigt Olivier Assayas zwar keinen neuen Blick auf die 70er, beweist dafür aber sein Auge für Atmosphärisches. Das längst verklärte Jahrzehnt und seine politischen Utopien präsentieren sich als ein Lebensgefühl, dem seine ProtagonistInnen  traumwandlerisch zwischen Abitur, beginnendem Berufsleben und ein bisschen darüber hinaus nachhängen, bevor sie endgültig erwachsen werden.

Auch ins Kino ist der Retro-Trend gekommen, um zu bleiben und in einem Sommer, in dem selbst die Zukunft  nur als aufgemotztes Best-Of des guten, alten J.T. Kirks daher kommt,  darf das wohl hippste aller Jahrzehnte nicht fehlen. Doch wie eine Geschichte erzählen, die schon viel zu Viele, viel zu oft erzählt haben?
Auch der französische Regisseur Olivier Assayas ist ein Wiederholungstäter. Bereits mit seinem letzten Werk „Carlos – Der Schakal“ – einem dreistündiges episches Terrorismus-Drama um den berühmt-berüchtigten  Linksterroristen Ilich Ramírez Sánchez (aka Carlos) – hat er die die dunklen Seiten des mächtigen Jahrzehnts in extrem stilvolle Bilder gegossen. In seinem neuen Film „Après mai“, dessen deutscher Titel unangenehm an das immens kitschige Uschi-Obermaier-Biopic „Ein wildes Leben“ erinnert, stellt der 1955 geborene Assayas nicht die großen RevolutionärInnen, sondern eine Gruppe von GymnastiastInnen ins Zentrum. Sozusagen die kleinen Brüder und Schwestern, die, wie er selbst, noch einen Tick zu jung waren, um bei der ganz großen Revolte, den berüchtigten Pariser Maiunruhen von 1968, dabei zu sein.
Die Narration kreist dabei um Gilles (Clément Métayer), eine Art Alter-Ego Assayas und seinen Weg in Richtung bürgerliche Mitte. Er und seine FreundInnen stammen aus den besseren Kreisen Frankreichs und wie der Regisseur hat auch er einen Drehbuchautor zum Vater. Morgens sitzen die GenossInnen gelangweilt im Unterricht, abends spielen die BürgerInnenkinder Revolution, werfen Molotow-Cocktails und schwingen pathetische Reden über die Befreiung des Proletariats - ganz wie die Großen. Als ein Wachmann  bei einer gewaltbereiten Aktion schwer verletzt wird und das Abitur bestanden ist, zerstreut sich die Gruppe in die jeweils eigene Version der gelebten neuen Gesellschaftsordnung. Gilles lässt sich dabei mitreißen. Er ist nicht wirklich passiv, es ist viel eher ein neugieriges Sichtreibenlassen von einer Facette der zelebrierten Revolution zur nächsten. Als Reisebegleiterinnen fungieren Gilles Liebschaften: die bemüht enigmatische Laure (Carole Combes) inspiriert seine Malerei und lässt ihn auf den Pfaden der freien Liebe wandeln, indem sie ihn schlichtweg verlässt. Die politisch engagierte Christine (Lola Créton) begleitet Gilles nicht nur auf Straßenschlachten, sondern sie geleitet ihm schließlich auch den Weg zum Film und damit zum Zielpunkt dieser Coming-of-Age-Geschichte. Es ist möglicherweise der autobiographischen Tendez des Films geschuldet, die ja immer die Gefahr der Nabelschau in sich birgt, dass die Frauenfiguren so schrecklich hölzern daher kommen. Sie haben keine eigene Geschichte, sondern sind am Rand stehende Wegweiser für die Wanderjahre des Protagonisten.

Molotow-Cocktails und Sakraltanz

„Wenn mein Vater anruft, sag ihm, dass ich die nächsten Tage auf einem Workshop für sakralen Tanz bin“. Pointierter lassen sich die 70er Jahre wohl kaum einfangen. Doch die Erheiterung währt nur kurz: Die in ätherische Gewänder gekleidete Diplomatentochter ist nämlich in Wahrheit unterwegs nach Amsterdam, um dort eine Abtreibung vornehmen zu lassen, die in Frankreich zu diesem Zeitpunkt noch strafbar ist. Es sind Momente wie diese die Assayas Film davor retten, bloß ein weiteres buntes Bausteinchen im sakralen Monumentalbau der 70er Jahre zu sein. Leider sind es nur wenige, dafür treffen sie um so sicherer. Der Film möchte aber auch gar keine Geschichtsanalyse liefern, sondern unternimmt den Versuch, diese verklärte Zeit als Atmosphäre einzufangen und so etwas schwer Greifbares wie ein Gefühl, einen Vibe, einen gelebten Zeitgeist auf die Leinwand zu bringen. Ein Vorhaben, das durch die elegischen Bilder, die dezentrale Narration und das nahezu vollständige Ausklammern an konkreten Informationen zum gezeigten politischen Geschehen durchaus gelingt. Auch erspart Assayas seinem Publikum damit sowohl eine detail- und faktenverliebte Geschichtsstunde wie „Der Baader Meinhof Komplex“ als auch ermüdend inhaltslose American-Apparel- Dauerwerbesendung à la „On the Road“. Aber deshalb gleich ein Meisterwerk, wie es die FAZ nennt? Vielleicht braucht es ein paar mehr Jahre im Pass, um auch noch nach knapp zwei Stunden Freude am wehmütigen Sichzurückfühlen in die eigene Jugendzeit zu haben.
 

Zwischen Schulbank und Revolution: Eine wilde Zeit. Foto: NFP Carole Bethuel