Irgendwo in einem Land voller Möglichkeiten
Tierschützer und Meth

Tigerking. Joe Exotic: Er ist der schwule, Pistolen herumwedelnde, Vokuhila-tragende, Cowboy-lookalike den Amerika 2016 brauchte. Nun gibt es eine
Dokumentation über ihn.

Mittlerweile wissen die meisten von uns, dass wenn Netflix mit einer neuen Doku-Miniseries ankommt, diese mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit an einem Tag durchgeguckt wird und man nicht fassen kann, dass das Gesehene wirklich wahr ist. So ist es diesmal auch. „Großkatzen und ihre Raubtiere (OT: Tiger King)“ wirkt auf den ersten Blick absurd. Ein Mann mit einem Vokuhila und einem Pailletten-Cowboy Kostüm brüllt mit rauer Stimme in die Kamera, während er fast permanent von drei bis vier Löwen, Tigern oder Ligern umgeben ist. Er spielt die Rolle des Rednecks aus Florida perfekt. Gesellschaftliche Konventionen und gesunder Relativismus scheinen für diesen Mann Fremdwörter zu sein. Die Unberechenbarkeit von exzessivem Drogenkonsum in Kombination mit dem Drang, möglichst mehr zu sein, als man ist, vielleicht sogar ein Star zu werden und Ruhm und Reichtum zu erlangen, sind die perfekte Kombination, um etwas zu erschaffen, das wahrscheinlich die Definition von Unterhaltung ist. Die Doku springt zwischen Interviews, Aufnahmen aus einer Reality-TV Show und später gefilmten dramatisch inszenierten Dronen-Shots hin und her und schnell ist man selbst in dem Wahnsinn der amerikanischen Zookultur gefangen. Die Geschichte bauscht sich immer weiter auf, während wir schadenfroh zusehen, wie Joe Exotic immer mehr seinen Verstand verliert. Währenddessen wird nicht einmal die Frage gestellt, inwiefern Zoos überhaupt eine Rechtfertigung haben können, in Zeiten von Google. Die einzigen Tierschützer*innen, die interviewt werden, tragen Blumenkränze um den Kopf und inszenieren sich als Mutter Theresa von Tigern.

Im Großen und Ganzen ist „Großkatzen und ihre Raubtiere“ wahrscheinlich der Zenit realitätsbezogener Unterhaltung, bei der Unsere Schadenfreude und Sensationssucht größte Befriedigung finden wird. Thematisch macht die Doku wenig auf, außer das Problem, wenn man Menschen, die eindeutig psychologische Betreuung benötigen, die Kontrolle über etwas lässt, wo sie ihre Allmachtsphantasien und Obsessionen frei ausleben können.  

:Gerit Höller