Traumaporn
Teilen fürs Trauma
Bild: bena
Alles für die Klicks? Traumaporn das Entertainment des Social Media Users

Kommentar. Anteilnahme, Solidarität und aufmerksam machen – viele glauben, dass nur Konsequenzen gezogen werden, wenn es viral geht. Aber zu welchem Preis? Vor allem Unbetroffene teilen „scheinbar gerne“ gewaltvolle Inhalte auf Social Media ohne Contentwarnung.

Ein Video, das im Sommer letzten Jahres um die Welt ging, zeigte, wie ein Polizist einen Schwarzen Mann kaltblütig ermordete. Acht Minuten und 46 Sekunden lang konnte man George Floyds letzte Lebensminuten sehen. Wo? Twitter, Facebook, Instagram und in den Nachrichten. Auf manchen Plattformen konnte man das volle Video sehen, auf anderen wiederum nur Ausschnitte. Ich als Schwarz gelesene Frau konnte es mir nicht ansehen und konnte auch nur zum Teil verstehen, warum es überhaupt geteilt wurde und erst recht nicht, warum es immer noch Nachrichtensender gibt, die es immer noch zeigen. Auch wenn der Kopf zensiert ist, diese Bilder nehme ich mit ins Grab. Ihr denkt vielleicht, ich sei empfindlich, aber vielleicht mache ich mir über die täglichen Sehgewohnheiten Gedanken. Denn wir reagieren nicht mehr auf „Schocker“, sie gehören zu unserem Alltag dazu. Ob ich nun von dem Menschen spreche, der sich hinterm Bahnhof einen Schuss setzt oder eben dem Schwarzen Menschen, der erschossen wird. Es wirkt normal! Wir blenden aus! Die „armen“ Kinder, die in Afrika „hungern“? Der arme Flüchtling, der ertrunken im Meer treibt? Ist doof, aber ist halt so. Wir haben uns eine neue Norm des Sichtbaren geschaffen. Die zuhauf auf den Social-Media-Kanälen Klicks bringt und deswegen geteilt wird. 

Auf Missstände aufmerksam machen ist wichtig und richtig, aber zu welchem Preis? Ja, das Filmen von Aktivitäten kann als Schutz und Beweis dienen. Vor allem bei marginalisierten Menschen kann es zum Überleben oder zur Gerechtigkeit führen. Doch auf der anderen Seite hat man jene, die das sehen und getriggert werden. Warum? Na, weil sie solche Situationen selbst erlebt haben und das ist vielen aus der Gruppe der Oppressoren nicht bewusst. Vor einigen Wochen ging ein Video aus einer Aldi-Filiale in Berlin viral. In diesem kurzen Video wurde ein Schwarzer Mann kontinuierlich das N-Wort genannt. Es wurde geteilt und kommentiert, aber selten eine Triggerwarnung davorgesetzt. Warum wäre das wichtig? Egal um welche Diskriminierung es sich handelt, die gezeigt wird, der Filter von Facebook verhält sich willkürlich und nach weiß-cis-männlichen Standards. So kommt es durchaus vor, dass Videos zu sehen sind, die Gewalt gegen eine bestimmte Gruppe zeigen.
Heißt es nun, dass man gar nichts mehr teilen darf? Nein, aber man sollte beachten, dass Social Media auch kein rechtsfreier Raum ist. Und so sollten wir uns auch verhalten! Für mich können Videos von Schwarzen Personen traumatisierend sein und ich spreche nicht ab, dass es für nicht-Schwarze Personen nicht so ist. Es schafft halt aber auch eine neue Normalität und das vor allem für nicht Betroffene. Mehr noch, sie bekommen Klicks und werden vom Algorithmus gepusht.

 

Tipps: 

Wenn Du ein gewaltvolles Video in Deiner Story teilst, dann kannst Du eine Slide fertigmachen, wo Du Leute mit einer Contentnote oder Triggerwarnung ansprichst! So können sie die Story einfach weiterklicken, ohne das Video gesehen haben zu müssen. Ähnlich verhält es sich bei Bildern oder Tonspuren.

Du kannst auch auf Deiner Slide das Original Video/Bild verkleinern und Deine jeweilige Meinung dazu größer abbilden. So kommen deine Follower:innen zu dem Video/Bild, aber Deine Haltung steht im Fokus!

Zensiere es selbst, wenn Du das Gefühl hast, dass Du dieses Video teilen möchtest, achte darauf, dass Du vor allem die Opfer schützt und darauf aufmerksam machst, was der Sachverhalt ist!

P.S. Ich will Euch nicht zensieren, jedoch sollte es nicht „normal“ sein, auf Social Media zu sehen wie Menschen verprügelt werden oder gar sterben.

:Abena Appiah