Altmodisch, modern, zeitlos: Fernreisen mit dem Fahrrad
Strampeln bis nach Sibirien
Foto: tims
Mit ordentlich Ost-Erfahrung im Gepäck: Die Bochumerin Nicola Haardt signierte in der Pause noch ihr neues Buch „Osterfahrung – Mit dem Rad von Bochum zum Baikal“. Foto: tims
Mit ordentlich Ost-Erfahrung im Gepäck: Die Bochumerin Nicola Haardt signierte in der Pause noch ihr neues Buch „Osterfahrung – Mit dem Rad von Bochum zum Baikal“.

Im Landesspracheninstitut (LSI) der Ruhr-Universität berichtete Nicola Haardt über ihren Trip mit dem Rad zum Baikalsee in Sibirien. 2.000 Kilometer legte sie zurück – über ein Jahr war sie unterwegs. Wie kommen Menschen darauf, auf moderne Transportmittel (Flugzeug, Auto, Zug) zu verzichten, um mit dem altmodischen Fahrrad immense Strecken zurückzulegen? Oder ist das Fahrrad einfach modern und zeitlos?

Dass Reisen bildet und Vorurteile abbauen kann, wussten bereits bekannte Größen der Wissenschaft wie Alexander von Humboldt oder Charles Darwin. Warum Menschen aber ausgerechtet das Fahrrad nutzen, um große Distanzen zu überwinden, gehört wohl zu der aktuellen Sehnsucht, die Schnelllebigkeit der Moderne zu verlassen und stattdessen in Ruhe die Freiheit der Natur zu genießen, und gleichzeitig auf die eigenen Fähigkeiten zu bauen. „Die Deutschen werden hochgeschätzt“, sagt Nicola Haardt, die auf ihrer Reise zum Baikalsee auch die Geburtsstadt ihrer Mutter, Kaliningrad, besuchte und überall die russische Gastfreundlichkeit erlebte. Warum es ausgerecht der Osten sein musste, wusste die BochumerIn nicht so genau. „Mich hat es irgendwie immer gen Osten getrieben, ob das mit meiner Mutter zu hat, weiß ich nicht genau!“ Ganz egal warum sie die Strapazen auf sich nahm, es waren unvergessliche Erlebnisse, die ihr in Erinnerung blieben. Bären, Birkensaft, der harte Weg über den Ural bis hin zum Baikalsee nach Sibirien. „Je einsamer  die Gegend, desto intensiver das Gefühl zur Natur“, sagte Haardt, die im Rahmen des Vortrags auch ihr aktuelles Buch vorstellte.

Genereller Trend oder Hype?

30 Millionen Haushalte in Deutschland haben mindestens ein Fahrrad – insgesamt treten auf Deutschlands Straßen 67 Millionen RadfahrerInnen in die Pedale. Doch sich auf einen abenteuerlichen Trip von Bochum nach Sibirien einzulassen, machen eher die Wenigsten. Dabei möchte man sich angesichts der mit Autos überfüllten Innenstädte der Republik und den zum Teil mehr als maroden Fahrradwegen nur zu gern aus dem Staub machen und das Weite suchen. Ist das Fahrrad also die umweltfreundliche Antwort auf die Energiewende und ein unabdingbares Element der diskutierten Mobilitätsfrage?

Pedal the World – nicht ohne Hilfsmittel

Könnte sein. Für Menschen wie Nicola Haardt oder Felix Starck, der aktuell mit seinem Dokumentarfilm „Pedal the World“ (zu sehen im Fiege Open Air am 23. August) für Aufsehen sorgt, spielte diese große politische Frage eher eine untergeordnete Rolle. Die Möglichkeit zu reisen und dies dann mit der persönlichen Freiheit und Unabhängigkeit (ohne Zug, Flugzeug, Auto) zu verbinden, war wohl ausschlaggebend. Dass Felix und Nicola trotzdem nicht komplett auf die modernen Verkehrsmittel verzichten konnten, beantwortet die gestellte Mobilitätsfrage. Ob angerostete Antiquität oder modernes Mobilitätsmittel: Das Fahrrad ist im Jahr 2015 beliebter denn je – die zeitlose Antwort auf Umweltschutz und Mobilität.

:Tim Schwermer