Sicherheit von FLINTA*
Stop violence against females!
Bild:bena
Symbolbild

Tirggerwarung: Auf dieser Seite geht es um sexualisierte Gewalt.

Der Fall Sarah Everard 

Der Mord Sarah Everards in Großbritannien führt aktuell zu weitreichenden Debatten über die Sicherheit und den Schutz von Frauen in öffentlichen Räumen. 

Die Ermordung der 33-jährigen hat eine heftige Debatte um die Sicherheit von Frauen, die Verantwortung von Männern und das Vorgehen der Polizei, ausgelöst. Nachdem sich die Marketing-Vorständin am 3. März auf dem Heimweg vom Haus einer befreundeten Person aus Süd-London befand, verschwand diese. Eine Woche später, am 10. März gab die Metropolitan Police Kommissarin Cressida Dick den Fund einer Leiche bekannt, die am Freitag offiziell als Everards Körper identifiziert wurde. In der Zwischenzeit wurde ein Polizist der Metropolitan Police, welcher des Mordes an Everard verdächtigt wird, festgenommen. Das Gerichtsverfahren ist für den 25. Oktober angesetzt, am 9. Juli soll eine Anhörung stattfinden. Der Verdächtige wurde seit seiner Inhaftierung außerdem zweimal in ein Krankenhaus eingeliefert, nachdem er Kopfverletzungen während seiner Zeit in Gewahrsam erlitt. 

Nachdem Everards Körper gefunden wurde, hielten Trauernde am Samstag, den 13. März eine Mahnwache für Everard und für mehr sichere Orte in der Öffentlichkeit. Die Mahnwache wurde mit mehreren Festnahmen von der Polizei aufgelöst. Bilder der Festnahmen mehrerer Frauen verbreiteten sich daraufhin schnell in den digitalen Medien. Kritiker:innen sahen darin ein gewaltsames Vorgehen bei einem Protest, der sich für die Sicherheit von Frauen einsetzte. Es folgten mehrere Proteste, die das Vorgehen der Polizei kritisierten und sich gegen die Police, Crime, Sentencing and Courts Bill 2021 richteten – ein aktuelles Gesetzesvorgehen im britischen Parlament, das der Polizei mehr Rechte zugesteht. Auch steht die britische Polizei für ihren Umgang mit einer Anschuldigung von unsittlicher Entblößung, die der mutmaßliche Täter Everards Ende Februar begangen habe, unter Kritik. Der Fall wird aktuell von einer unabhängigen Behörde geprüft.       

:Stefan Moll 

Lebensrealitäten von FLINTA*

„Was hattest Du denn an?“, „Warum gehst Du auch so spät raus?“ – Das sind eine paar der vielen Fragen, die Frauen zu hören bekommen, wenn sie von übergriffigem Verhalten von cis-hetero Männern berichten.  

Ein Frühlingstag mitten im Ruhrgebiet. Ich laufe mit meinen Freundinnen durch den Park und wir spüren sie. Die Blicke, von den ewig selben: Männern. Egal ob jung oder alt, das Catcalling ist allgegenwärtig. Hier ein „Pfeifen“, dort ein „Hallo“ es macht was mit uns. Wir sind genervt und fangen an zu erzählen:      

„Ich habe oft erlebt, dass Männer, die mich Ansprechen einfach mit mir mitlaufen. Sie zwingen mir ein Gespräch auf und ich versuche das einfach zu ignorieren. Doch sie hören nicht auf. Einer ist sogar mit mir in den Supermarkt gegangen und hat anschließend auf mich gewartet.“                                                   

„Ich war shoppen und stand auf der Rolltreppe, auf einmal hörte ich eine Stimme von jemandem, der hinter mir stand. Er erzählte mir, was er alles in sexueller Sicht mit mir machen wollen würde. Seine Stimme wurde immer leiser und irgendwann flüsterte er mir ins Ohr! Ich habe mich am Ende einfach versucht im Laden zu verstecken.“ 

„Ich saß in der Straßenbahn, da setzte sich ein Mann neben mich. Erst guckte er mich die ganze Zeit an und dann fing er an, an meinen Haaren zu riechen. Ich wollte nur weg und hatte gehofft, dass er einfach aufhört. Ich wollte aufstehen, doch so einfach war das in diesem Moment aus Platzgründen nicht.“                     

„Letzte Woche kam ich von der Arbeit und ein Mann ist mir meinen ganzen Heimweg gefolgt. Ich bin extra Umwege gegangen und er lief mir einfach hinterher. Ich hatte mein Handy griffbereit, den Schlüssel auch! Aber ob ich in diesem Moment wirklich so schalte wie ich würde, ich weiß es nicht! Am Ende habe ich extra einen Umweg über den Bahnhof gemacht und konnte ihn abhängen.“                 

:Abena Appiah          

„Aber nicht alle sind so“ 

Jemandem passiert auf der Straße etwas Unangenehmes: Jemand anders ruft etwas völlig deplatziertes, der anderen Person ist das unangenehm, sie bekommt Angst. Sie erzählt es jemandem und die Reaktion darauf ist: „Nicht alle sind so“. Ein Fass wird geöffnet. 

Der erste „jemand“ ist weiblich, der zweite „jemand“ männlich. BOOM. Die Bombe platzt. Was hier passiert, ist ein Versuch Gewalt, die Frauen in ihrem Alltag erleben und angstbereitende Situationen herabzuspielen, mit einem „Aber wir sind nicht alle Vergewaltiger!“  

 

Punkt 1:

     NIEMAND hat von „Alle Männer sind so“ gesprochen. Darum ging es zu keinem Moment. Eine Frau erzählt was ihr passiert ist und dass die Situation für sie beängstigend oder zumindest unangenehm und beunruhigend war. In dem Geschehen spielt ein Mann eine Rolle. Nicht die Hauptrolle und es war nie die Rede von „den Männern“. 

 

Punkt 2:

 Ist es nicht unglaublich traurig, dass ein paar Männer ausreichend sind, um sehr viele Frauen nachhaltig so in Angst zu versetzen, dass sie nur telefonierend durch die Straßen gehen, sobald es dunkel ist? Oder zumindest so tun? Dass der Schlüssel in der Hand obligatorisch geworden ist? Dass für den Heimweg der Standort geteilt wird, falls etwas ist? Das sind wenige Männer, die einen sehr großen Schatten werfen. Wir wissen nicht, ob Ihr dazugehört oder nicht. Es steht nicht auf Eurer Stirn. Also eine Bitte: Mögen diejenigen, die nicht so sind, doch ihren Teil dazu beitragen, die Situation für Frauen wieder sicherer zu machen und zum Beispiel die Straßenseite wechseln. Das sind vielleicht fünf Meter mehr für Euch, aber auch ein angstärmerer Heimweg für Frauen. 

 

Punkt 3:

 Plump gesagt: Eine Erfahrung aus meinem Leben ist kein Angriff auf Dein Ego. Es gibt keinen Grund für Männer, sich mit dem Mann aus meinem Erlebnis zu identifizieren. Warum also für ihn die Verteidigung übernehmen? Es hilft in der Diskussion gar nicht. Ich fühle mich dadurch nicht sicherer, weil es mir wahrscheinlich wieder passieren wird. Ich fühle mich nicht ernst genommen, weil Du meine Angst runterspielst.                                               :Kendra Smielowski

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