Glosse: Brot und Spiele reloaded: Massenspektakel in Zeiten von TTIP
Stell Dir vor, es ist EM und keiner guckt hin!
Illustration: kac
Aus den Augen, aus dem Sinn: Die EM kickt wichtige Themen aus unserem Bewusstsein. Illustration: kac
Aus den Augen, aus dem Sinn: Die EM kickt wichtige Themen aus unserem Bewusstsein.

Millionen von Deutschen freuen sich auf ein Ereignis der Superlative und hoffen auf ein wiederkehrendes Sommermärchen: Die Europameisterschaft im Männerfußball steht an. Schließlich braucht der/die Deutsche ab und an Ablenkung von der Tristheit der Politik und des eigenen Lebens. Dass aber hierbei (mal wieder) die große Gefahr besteht, dass PolitikerInnen und LobbyistInnen unliebsame Gesetze oder Handelsabkommen an der Bevölkerung vorbei durchdrücken, vergessen die Deutschen nur zu gern. Lieber wird gesoffen, Fähnchen geschwungen und beim Public Viewing gegröhlt. 
 
Wir schreiben das Jahr 2006, Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Während alle gebannt auf Fernseher oder Leinwand starren, erhöht der Bundestag mal eben die Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent; die größte Steuererhöhung in der Geschichte Deutschlands, die vor allem Familien und sozial Schwache in die Mangel nimmt. Nicht genug: 2012, Europameisterschaft in der Ukraine, wieder tagt der Bundestag während eines Spiels, diesmal aber in einem viel kleineren Plenum und schließt (an sich illegal, da nicht genug Abgeordnete für die Beschlussfähigkeit anwesend sind) Gesetze gegen die Interessen der BürgerInnen durch. Ich könnte weiter aufzählen, doch dafür reicht der Platz bei weitem nicht aus. 

Eine neue Pest

Die wirtschaftliche und antidemokratische Bedrohung in diesem Jahr nennt sich hauptsächlich TTIP. Diese als Handelsabkommen getarnte Geißel steht kurz davor, in die Realität umgesetzt zu werden. Wenn das passiert, erwarten uns genmanipulierte, krebserregende Nutzpflanzen, Chlorhühnchen im Supermarkt, Fracking, Wasserversorgung in den Händen von Privatleuten, Schiedsgerichte für Konzerne und und und ... 
 
Zwei gute Botschaften in diesem Zusammenhang gibt es dennoch: Die negative Resonanz eines Großteils der Bevölkerung und der damit zusammenhängende starke Protest gegen die Zerschlagung der europäischen Standards. Doch was passiert, wenn sich alle Augen für einige Wochen auf eine andere Kulisse richten?

Lobbyist‘s Paradise

Dann reiben sich die Verhandelnden die Hände und freuen sich, ungestört ihrem zerstörerischen Werk nachzugehen. Dass das Turnier obendrein von einer der korruptesten und fragwürdigsten Organisationen der Welt veranstaltet wird, spricht selbstverständlich für sich. Man könnte auch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Auf der einen Seite weder die FIFA noch die LobbyistInnen mit blindem Eifer unterstützen und auf der anderen etwas Sinnvolles mit seiner Zeit anfangen. Denn mal Hand aufs Herz: Was gibt es da zu feiern, dass Deutschland Europameister werden könnte, wenn bald in- und außerhalb Deutschlands Elend herrschen wird? 
 
Mein Appell wäre, diesen Humbug nicht zu verfolgen, sondern zu boykottieren; bekanntlich ist das der einzige Weg, heutzutage Protest effektiv zu äußern. 
 
P.S.: Vielleicht bin ich nicht der Einzige, aber ich erdreiste mich mal, eine Prophezeiung abzugeben: Im Vergleich zur Silvesternacht am Dom wird manches Public Viewing, was zu befürchtende, sexistische Vorfälle angeht, Köln den Rang ablaufen – auch in Sachen Medienskandal. Gerade dann ist wieder Ablenkung gefragt.
 
:Eugen Libkin