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Bild:kiki
Techno: Die Musik für alle, die nur bis vier zählen können

Kommentar. Am 31. Mai veranstaltete das Kollektiv „Rebellion der Träumer“ eine Demonstration. Gemeldet waren hundert Leute, laut Polizei kamen 3.000 Menschen zum Rave an der frischen Luft. 

Die derzeitige Situation ist auch für die bereits angeschlagene Clubkultur schwierig. Seit Jahren werden reihenweise Clubs geschlossen, um Investor:innen Platz zu machen oder weil es sich einfach nicht mehr rentiert. Dass langsam in der Szene ziemlich dicke Luft ist, lässt sich bis zu einem gewissen Grad verstehen. Trotz allem muss man sich auch überlegen, wenn man sich als ein politisches „Technokollektiv“ bezeichnet, welches Zeichen man setzen möchte. Wann ist ein Rave angebracht, wann nicht? Wo findet der Rave statt? Was am 31. Mai in Berlin passierte ist ein Beispiel dafür, wie man es nicht macht. Zu erwarten, dass nur hundert Leute zu einem Rave an der Spree kommen würden, nachdem die gesamte Berliner Technoszene offiziell seit 3 Monaten auf Eis lag, ist ein wenig sehr blauäugig gedacht. Auch die Route hätte man ein wenig besser planen können und die ganze Geschichte nicht in einer großen Party vor dem Berliner Urban-Krankenhaus enden lassen. Zwar hat sich das Kollektiv für den Endpunkt ihrer Demo bereits entschuldigt, trotzdem hätte man auch hier durch ein wenig mehr Planung und tatsächlicher Recherche wahrscheinlich den anklingenden Zynismus dieser Aktion vermeiden können.  

Ärgerlich ist auch, dass der Clubkultur wahrscheinlich in keiner Weise geholfen werden konnte. Es kann gut sein, dass ein großer Teil der 3.000 Menschen, die auf der Demo waren, überhaupt nicht wussten weswegen demonstriert wurde. Im Grunde warf die ganze Aktion nur ein schlechtes Licht auf unsere Technokultur, die bereits vorher schon keinen besonders guten Ruf hatte. Eine Kultur, die öfters mal als drogenversifft und unpolitisch gilt, wird durch solche unüberlegten Aktionen nur weiter in solche Ecken gedrängt. Dass Techno tatsächlich politisch sein kann und auch in vielen Punkten für eine Utopie steht, lässt sich nur durch eine klar bekennende politische Botschaft erkennen. Anstatt einen weiteren von Schlagzeilen dominierten Rave zu veranstalten, um „die Superparty des Jahres“ zu machen, sollte man vielleicht überlegen welche sonstigen Ressourcen Techno haben könnte. Die Mobilisierung einer Subkultur kann andere Wege finden. Werden die Flächen für Clubs aufgekauft, dann besetzen wir sie halt. Werden Menschen unrecht behandelt, solidarisieren wir uns mit ihnen. Nimmt man uns die Kultur, bauen wir sie woanders neu auf.  

Die Berliner Techno Szene scheint sich immer weiter von ihren Idealen aus vergangenen Jahren zu entfernen. Wo man früher noch das politische im Techno erkennen konnte und ein tatsächliches Gefühl von Gemeinschaft existierte, schleicht sich heutzutage immer weiter Türpolitik und Oberflächlichkeit in die Szene. Vielleicht ist die Technowelt auch selbst für ihr Aussterben verantwortlich. Techno ist Mainstream geworden. Es ist cool geworden, in Berliner Clubs zu feiern. Die Menschen die früher ihren Platz im Techno fanden, weil sie keinen Zugang zu anderen Subkulturen bekamen, werden heutzutage von genau dieser Subkultur verstoßen. Die Solidarisierung findet bei den falschen Menschen statt. Türsteher werden immer kultiger und linke Ideale finden immer weniger Platz. Vielleicht sollten wir mehr die Sprüche, die wir uns auf Fahnen schreiben, leben. Vielleicht wird das Clubsterben den Techno zurück in eine Subkultur führen.  

:Gerit Höller