Elfriede Jelineks „Das schweigende Mädchen“ über den NSU-Terror feiert in Dortmund Premiere
Sprachgericht gegen das Schweigen
Foto: Birgit Hupfeld
Wir wollen Bullen-Wagen klauen und die Zschäpe demolieren: In der Aufführung von Jelineks „Das schweigende Mädchen“ mobilisieren Engel zur wütenden Totenklage. Foto: Birgit Hupfeld
Wir wollen Bullen-Wagen klauen und die Zschäpe demolieren: In der Aufführung von Jelineks „Das schweigende Mädchen“ mobilisieren Engel zur wütenden Totenklage.

Wenn Beate Zschäpe unmenschlich von Liebe faselt, bleibt nur die menschliche Wut: In der Premiere von Elfriede Jelineks „Das schweigende Mädchen“ in Dortmund wird zur Mobilmachung des heiligen Zorns geblasen.

Bloß nicht das Publikum zur Ruhe kommen lassen. Ruhe, das ist was für Tote. Aber selbst die kriechen jetzt aus den Leichensäcken und sind eigentlich Engel – die gestresster wirken, als man sie sich vorstellt. Oder es gerade sind, weil sie aus dem Himmel kommen: „Im Jenseits sind wir alle Emigranten, dort ist jeder neu und muss seinen Platz erst finden.“

Im Prolog von Michael Simons Inszenierung steht das Publikum zunächst zusammen mit diesen aufgebrachten Engeln auf der Bühne und wird quasi vor sich her gescheucht. Uwe Schmieder hält seine seraphine Tracht hektisch in Bewegung, rempelt sich den Raum, den er inmitten des Publikums braucht, frei – was nicht allen ZuschauerInnen gefällt: „Immer mit der Ruhe, ja!“ Die hat er natürlich nicht. „Ich würde gerne Tote sprechen lassen.“ Doch die Spuren sind bei so viel Bewegung verwischt. Aufklärung können auch diese Himmelsgestalten nicht mehr leisten. Aber Trauerarbeit und eine Totenklage. Jelineks Engels-Tribunal ist eröffnet, als wütender Prozess gegen das entsetzliche Schweigen.

Intensive Trauerarbeit statt Aufklärung

Dass Beate Zschäpe wenige Tage vor der Premiere im Dortmunder Megastore (dem Ausweichort des Schauspiels, das aktuell renoviert wird), ihr Schweigen gebrochen hat und der NSU-Prozess zunehmend zur Farce verkommt, verleiht Jelineks sprachgewaltiger Theaterverhandlung noch mehr Wucht.

Klassische Figuren, Dialoge oder eine Handlung sucht man in den Texten der Literaturnobelpreisträgerin meistens vergeblich. Diesen typischen Jelinek-Stil bringt auch Regisseur Michael Simon in Dortmund auf die Bühne: eine Aufführung, die mehr szenische Lesung als Schauspieltheater ist.

Ihr wütendes Sprachgericht wird dadurch umso mehr untermauert: ein überbordendes Textkonvolut mit wuchtigen Wortschwallen und mythisch motivierten Monologen – bis hin zu religiösen Dimensionen. Denn die erdrückenden Anklagesätze erheben schließlich die Propheten und Engel. Das jüngste Gericht als dröhnendes Sprachgewitter, das jedoch nicht immer verständlich ist. Denn es ist auch eine Ästhetik der Überforderung, die in Jelineks finsterer Totenklage mitschwingt.

Auf einer überdimensionalen BRD-Fahne sind die NSU-Opfer aufgelistet, ein Sprechchor rezitiert mal das Grundgesetz, dann wieder den Hohn und Spott, den Opfer wie Mehmet Kubaşık, der in Dortmund vom NSU-Trio erschossen wurde, und Angehörige über sich ergehen lassen mussten. Zschäpes Aussage führt das zynisch fort. Während die Hauptangeklagte im NSU-Prozess jahrelang schwieg, hat Jelinek sich an dem Nazi-Terror abgearbeitet, sie hat geschrieben und geschrieben. Antworten hat sie keine, eher stellt sie verzweifelte Fragen. Dass darüber verhandelt werden muss, steht aber außer Zweifel. Denn wenn das Gericht zum Theater verkommt, muss das Theater zum Gericht werden. Jelineks Prozess- und Trauerarbeit wird auch in Dortmund auf die Bühne gebracht. Für ein Urteil reicht das allemal aus.

:Benjamin Trilling