Szenen aus dem Alltag
Spannende Einblicke – aber für wen?
Bild: lewy
Zuhause und auf Arbeit: Çağatay gibt Einblicke in den Alltag der Menschen.

Einwanderungskultur. Eine Sonderausstellung im Essener Ruhrmuseum zeigt Fotos über das Leben türkeistämmiger Migrant:innen aus dem Jahr 1990. 

Ergun Çağatay (1937-2018) selbst stammte, so erfährt man, aus einer elitären Familie: Der Vater war Anwalt und Senator für die lange in der Türkei tonangebende kemalistische Republikanische Volkspartei (CHP) und der Sohn sollte, nachdem er ein US-amerikanisches College in Istanbul absolviert hatte, in dessen Fußstapfen treten, indem er Jura studierte. Diesen vorgezeichneten Weg verließ er jedoch, indem er das Studium schließlich abbrach, um sich der Fotografie zuzuwenden. Als Fotograf arbeitete er unter anderem für Associated Press und das Life-Magazine und es zog ihn immer wieder in Kriegs- und Konfliktregionen. 1990 schließlich kam er auch nach Deutschland, wo eine Fotoserie über türkeistämmige Migrant:innen entstand. Diese läuft derzeit in einer Sonderausstellung anlässlich von 60 Jahren Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und der BRD unter dem Titel „Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990. Fotografien von Ergun Çağatay“ im Ruhr Museum auf der Essener Zeche Zollverein. Das Museum preist sie als „die umfangreichste Reportage zur türkeistämmigen Einwanderung der ersten und zweiten Generation der sogenannten Gastarbeiter:innen aus dem Jahre 1990“ und hat die „120 beeindruckendsten Bilder“ unter ihnen ausgesucht und ausgestellt. 

Die Fotos, die zwischen März und Mai 1990 in Hamburg, Köln, Werl, Berlin und Duisburg entstanden, zeigen die verschiedenen Facetten der Lebensrealitäten der Fotografierten: Çağatay hat sie etwa am Arbeitsplatz im Werk oder im Lebensmittelladen und beim Friseur, im Verein oder der Teestube, auf der Straße oder im Wohn- oder Schlafzimmer abgelichtet, er zeigt Hochzeiten und (geschändete) Gräber, spielende Kinder und Proteste gegen das neue, verschärfte Ausländergesetz. Man sieht die Menschen beim Beten und beim Feiern. Die Bilder zeigen eine bunte Mischung aus Heimatverbundenheit und Nationalstolz, kommunistischer Agitation und interkulturellem Beisammensein, Freizeit, Familie, Arbeit und Nöten – meist in Farbe, manchmal auch in schwarz-weiß.

Ergänzt werden die großformatigen Fotos durch Hintergrundinfos zu Çağatays Leben einerseits und durch Interviews mit mehr oder weniger prominenten Persönlichkeiten, darunter Derviş Hızarcı von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, die kurdisch-hannoveranische Fußballerin Tuğba Tekkal, die Marxloherin und ehemalige WDR-Reporterin Aslı Sevindim, den Schriftsteller und Übersetzer Yüksel Pazarkaya oder den ehemaligen Investigativjournalisten Günter Walraff. Zu Wort kommt aber auch die Publizistin Necla Kelek, die unter anderem für Kopftuchverbote eintritt und für einschlägige Medien und Organisationen wie die EMMA, die Achse des Guten oder Terre des Femmes tätig ist.

Diese Auswahl – ausschließlich „Vorzeigemigranten“ und dann auch noch Personen, wie Kelek, die kaum jemanden repräsentieren als sich selbst, dafür aber umso lieber in Talkshows eingeladen werden und in der deutschen Mehrheitsgesellschaft entsprechend bekannt sind – deutet bereits ein gewisses Problem der Ausstellung an. Natürlich kann man argumentieren, dass man eben die positiven Geschichten erzählen möchte. Aber aus wessen Sicht positiv? Eindeutig aus einer mehrheitsdeutschen. 

Und da kann die Ausstellung noch so multikulti daherkommen (alles ist zweisprachig auf Deutsch und Türkisch): Fakt ist, dass im Verhältnis vermutlich genauso wenige Türkeistämmige diese Ausstellung besuchen, wie ehemalige Zechenarbeiter das Ruhrmuseum. Zwar handelt es sich offiziell um ein deutsch-türkisches Kooperationsprojekt. Aufgeführt sind dann abenur das Auswärtige Amt und mehrere deutsche Stiftungen. Diese sind es dann auch, die die Ausstellung, die neben Essen auch in Hamburg und Berlin zu sehen ist, in İstanbul, Ankara und İzmir zeigen. Die Schirmherrschaft“ über das Projekt hat Michelle Müntefering, Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt. Schön gemacht, ist die Ausstellung auf jeden Fall, und interessant ist sie auch. Ein Geschmäckle bleibt aber.

Bis zum 31. Oktober 2021 kann die Ausstellung noch besucht werden. Für Studierende unter 25 Jahren ist der Eintritt frei, ältere zahlen ermäßigt 4 Euro. Weitere Infos gibt es unter ruhrmuseum.de/ausstellungen/aktuell/wir-sind-von-hier-cagatay    

    :Leon Wystrychowski