Bloggerinnen beharren auf ihr Recht auf Schönheit – trotz oder gerade wegen ihres Körperumfanges
Some girls are bigger than others
Quelle: tumblr.com
Widerstand gegen Körpernormen. Quelle: tumblr.com
Widerstand gegen Körpernormen.

Sie sprechen von Fatshion und  nennen sich selbst Fationistas. Empowerment durch Mode könnte man vereinfacht nennen, was BloggerInnen wie Tasha Fierce mit ihrem Blog Fatandthesinglegirl da praktizieren oder schlicht vom Recht auf Selbstliebe sprechen.

Bilder von bunten Röcken, gepunkteten Kleidern, hohe Schuhe, flache Schuhe… Die Frauen von miss-temple.blogspot.de, leblogdebigbeauty.com, prettyplussize.tumblr.com, nearsightedowl.com oder kerosenedeluxe.com sind Modebloggerinnen wie  sie hundert- und tausendfach im Netz zu finden sind. Sie stellen Fotos von sich und/oder ihren Freudinnen online, die sie in unterschiedlichen Locations und Outfits zeigen. Sie schreiben über Einkaufs- und Kombinationsmöglichkeiten, kritisieren Produkte und Stile, bewundern Stars oder orientieren sich an vergangen Epochen. Liest man aber die (noch nicht gelöschten) Kommentare auf den Seiten, dann wird allerdings rasch klar: Diese Frauen provozieren enorm. Warum? Weil ihr Körper ein Politikum ist.
Es brauche einen Fat Feminism, so u.a. die amerikanische Genderforscherin Anna Mollow in einem Artikel im „bitch magazine“. Die bisherige feministische Kritik an Körpernormierungen durch Diäten, etwa durch Anti-Diät-Ikonen wie Susie Orbach (Fat is a Feminist Issue, 1978) oder Geneen Roth (Feeding the Hungry Heart, 1982), geht ihr nicht weit genug, wenn dahinter nur die Angst vor dem und die Vermeidung des Dickwerdens stehe. Das propagierte „natürliche“ Körpergefühl ist Mallow zufolge nur eine andere Form von Diät. Es kann eben nicht das Ziel sein, seinen Körper auszutricksen, endlich wieder „normal“-gewichtig zu sein, sondern vielmehr müsse aus einer feministischen Perspektive grundlegend die gesellschaftliche Furcht vor der „Krankheit Übergewicht“  und dem dazugehörigen Stigma hinterfragt werden.
Die Kritik am gesellschaftlichen Umgang mit „Übergewicht“ wurde bereits 1978 durch das Underground Fat Movement formuliert und setzt sich derzeit im Fat-Acceptance-Movement oder auch Fat-Pride-Movement fort. Die AkteurInnen machen sich, ähnlich der Queer-Bewegung, das Schimpfwort  fett zu eigen, um ihm so seine negative Konnotation zu nehmen und es zu ihrem Wort zu machen. In den deutschen Mainstream-Medien wird bestenfalls (be-)lächelnd über die verrückten Amis berichtet oder die Bewegungen werden  schlichtweg für gemeingefährlich erklärt.

Ja sind die denn des Wahnsinns?

Der vielzitierte gesunde Menschenverstand sage einem ja schließlich, dass Dicksein schädlich sei, weil es ungesund sei. Allerdings wird dabei gerne übersehen, dass Gesundheit ebenso wie Natürlichkeit keinesfalls objektive, statische Größen sind. So ist auch der Body-Mass-Index keineswegs ein verlässliches Kriterium, da er nicht zwischen Fett und Muskelmasse unterscheidet. Auch das „über“ in Übergewicht steht gerne zur Verhandlung, angefeuert von den  ständig wechselnden, oft genug von der Lebensmittel- oder Pharmaindustrie gesponserten Studien, die vorschreiben, ab wann ein Mensch krankhaft dick und wann mehr auf den Rippen sogar gesundheitsförderlich sei. AktivistInnen fahren mit Studien auf, die Menschen mit noch so hohem Gewicht Gesundheit attestieren, während die Gegenseite von einer „Epidemie“ und von einer buchstäblichen „Last“ für die Allgemeinheit (sprich SteuerzahlerInnen) spricht. Wo wir auch beim Punkt wären: Entscheidend ist gar nicht so sehr, was wirklich gesund ist und was nicht. Sondern vielmehr, was den ungesunden (oder für ungesund erklärten) Menschen zugeschrieben wird. Und im Fall von Dicken ist das nichts Nettes. Niemand würde eine Person mit Bluthochdruck oder einem Magengeschwür als hässlich und faul oder gar weniger liebenswert bezeichnen. Wiegt ein Mensch mehr, als er/sie sollte, dann ist das völlig salonfähig. Der Körper wird so zur sozialen Visitenkarte. Das kann man auch  schnell im Selbsttest überprüfen, wenn man mal genau darauf achtet, was einem so durch den Kopf schießt, wenn eine „übergewichtige“ Person Fertiggerichte in den Einkaufswagen legt. Denn, so die zugrundeliegende Logik, wer normal krank ist, kann nichts dafür – wer dick ist allerdings schon. Was angesichts des völlig ungeklärten Einflusses von Genen und sozialem Umfeld auf das Körpergewicht freilich nicht stimmt. Er/sie hat ihr Leid aber nicht nur verschuldet, sondern auch die Pflicht, sich zu ebendiesem zu bekennen, um es so zu überwinden und endlich normal sein zu können. Deshalb sind Frauen wie Ragen Chastain, mit ihrem Blogg danceswithfat.wordpress.com, eine solche Provokation: Sie schämt sich nicht, sondern macht klare Ansagen: „Back off my fat body! I will wield my beautiful fat body like a weapon. I will love it, I will care for it, I will move it, I will show it in public, I will viciously defend my body against anyone who seeks to classify it as anything but amazing. You’ve been warned – back the fuck off.”
In diesem Sinne: Riot don’t diet!