Das Leben der anderen
Sex, Drugs and Covid -19
Bild:kiki
Sorglos kuscheln: Kaum vorstellbar während einer Pandemie.

Das Leben der anderen. Die zweite Welle der Neuinfektionen ist da. Täglich stecken sich immer mehr Menschen mit Covid-19 an. Wie ist das Leben nach dem Virus? Das und noch mehr erfahrt ihr jetzt.

Es ist Samstagmittag und ich FaceTime mit jemandem, der Corona überstanden hat. Meine Kontaktperson kannte ich bereits vom Sommer, als ich über die Feierszene während einer Pandemie berichtete. Er steckte sich vor wenigen Wochen wahrscheinlich in einem Club an, als er feiern war – zumindest vermutet er das selbst. Nachdem er Symptome zeigte, ließ er sich testen; das Ergebnis war positiv. Kurz vorher war er noch auf einem Geburtstag und bald darauf waren circa 30 Menschen in Quarantäne – davon wurden mindestens fünf Leute später ebenfalls positiv getestet. Als ich von seiner Erkrankung hörte, setzte ich mich mit ihm in Verbindung, denn ich wollte wissen: Wie ist es als junger Mensch, Covid-19 zu haben? Und wie ist das Leben danach? 
Natürlich ist mir bewusst, dass ich von einem einzelnen Fall nicht auf alle anderen schließen kann. Es geht hier auch nicht darum zu zeigen, dass Covid-19 nicht schlimm ist. Im Gegenteil; nach allem, was ich gehört habe, ist es eine unheimlich unangenehme Krankheit, selbst für junge Menschen.  

Meine Kontaktperson hatte einen relativ milden Covid-19-Verlauf. Außer, dass er für eine Weile nichts schmecken und riechen konnte, war er nur ein paar Tage schlapp. Anfangs lachten wir noch darüber, was aber schnell verflog, als Tag sieben ohne Geschmack verstrich. „Es schmeckt einfach alles voll neutral! Das fuckt richtig ab!“, sagte er mir damals. Heute hat er immer noch das Gefühl, nicht alles schmecken zu können. Ich merke, irgendwas hat sich geändert. Wo meine Kontaktperson vor wenigen Monaten sehr sorglos mit der Krankheit umgegangen ist, wird er öfters ernster. Z.B. wenn ich ihn fragte, ob er jetzt wieder feiern gehen würde nach überstandener Infektion - schließlich ist er doch jetzt immun, oder?  

Ganz so einfach mit der Immunität sei das nicht, sagt er mir. Er wisse selbst nicht, ob er jetzt immun sei. Generell scheint er sich nicht mehr ganz so sicher zu sein, wie er das mit dem feiern Gehen halten soll. „Ich hab‘s mir ja sogar im Club geholt. Man kennt es ja: Man feiert, fragt hier nach nem Pape, unterhält sich mit dem und lässt die Deckung fallen“, erzählt er mir. Immer mehr habe ich das Gefühl, dass mein Kontakt noch unsicherer als vorher ist. Zwar erzählt er mir, dass er immer noch vereinzelt von Hausparties während der Beschränkungen hört, selbst aber nicht hingeht. Auf meine Frage, warum er das nicht tue, antwortet er: Er sei sich zu unsicher, was mit ihm jetzt eigentlich los sei. Generell unterschätzte ich, welche psychologischen Auswirkungen es haben kann, wenn man sich mit einer Krankheit infiziert, über die niemand zu wissen scheint, welche Spätfolgen mit ihr kommen. „Niemand weiß so wirklich was“, sagt mir mein Kontakt leicht frustriert: „Ein zweites Mal will ich die Scheiße nicht.“ Die Angst vor der zweiten Ansteckung scheint groß, fast schon größer als die Angst vor der ersten. Jetzt weiß man, was auf einen zukommt und versteht vielleicht auch, dass man hier nicht über eine Grippe reden kann.  

Das Leben meines Kontakts hat sich verändert. Ich dachte, dass er sich befreiter fühlen würde. Vielleicht jetzt wieder regelmäßig feiert und in großen Gruppen unterwegs sei. Doch das Gegenteil ist der Fall. Er ist vorsichtiger geworden, passt mehr auf, nicht in großen Gruppen rumzuhängen, hält sich an die Verordnungen und den Abstand. Eine Ansteckung mit Covid-19 bedeutet für ihn Unsicherheit. Und ich verstehe es. Vor dem Virus weiß man viel darüber, wie man es bekommen könne. Nach dem Virus weiß man nur wenig, was jetzt noch kommen kann.      

          :Gerit Höller